17. April 2020 / Nummer 17
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Anlaufstelle für Dienstmädchen
Sinp‘arispa
Trenzando
Ñañope
Bolivien: Sucre - Santa Cruz
IBAN: CH13 0900 0000 6056 2232 2
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Dienstmaedchen
Hauswand mit Logo Sinparispa

Schwierige Corona-Zeiten !

Nur gerade einen Moment ist das Tor der Anlaufstelle geöffnet. Es ist der Wochentag, an dem die Leiterin, Elizabeth Montero, das Haus zwischen 7 Uhr morgens und zwölf Uhr mittags verlassen darf. Zu Fuss, versteht sich, Verkehr gibt es keinen. Einmal mehr spürt sie die Bedeutung des Privilegs, im Zentrum zu leben. Sie geht auf den Markt, der bis zwölf Uhr geöffnet ist, und kauft für die Familie und für Doña Ismelda (Name geändert) Lebensmittel ein, allein, mit einem Rucksack und zwei grossen Taschen ausgerüstet. Und mit dem nötigen Bargeld aus dem Ersparten, das sie noch rechtzeitig abgehoben hat. Löhne können nicht ausbezahlt werden, weil der Buchhalter in La Paz steckengeblieben ist und die Cheques nicht unterschreiben kann. Und allein ist sie, weil ihr Mann und ihr erwachsener Sohn eine andere Endzahl auf der Identitätskarte haben und folglich an einem anderen Wochentag raus dürfen. Ziffer 1 - 2 der Endzahl darf montags raus, 2 - 3 dienstags, usw. Der minderjährige Sohn darf das Zuhause gar nicht verlassen.

Alte Frau auf Bett

Und dann ist da noch Doña Ismelda. Sie war gerade wieder einmal in der Notschlafstelle gelandet, weil sie keine Stelle fand. Ihre Arbeitgeberin, eine alte Dame, war nach Santa Cruz gefahren, um dort zu bleiben. Nun stand sie, wie so oft schon in ihrem Leben, wieder auf der Strasse. Eigentlich wollte sie zu ihrer Tochter in die Provinz reisen, aber da kam der Corona-Stopp. So ist sie seither in der Anlaufstelle geblieben.

"Ich hatte bei einer alten Dame gearbeitet und wollte eigentlich zum Arzt wegen meinen Füssen, die mir wehtun. Aber weil ich hörte, dass die Dame wegreisen würde, wartete ich zu, um erst zum Arzt zu gehen, wenn ich ohne Arbeit wäre, weil die Arbeitgeber sich doch immer ärgern und uns so ungern Zeit geben, wenn wir mal für einen Arztbesuch freinehmen wollen. Also blieb ich danach in Sucre und ging zum Arzt. Und zum Glück konnte ich hier in der Notschlaftstelle von Sinp'arispa unterkommen, bei Doña Eli. Jetzt geht es mir Gott sei Dank schon wieder besser, aber zu meiner Tochter nach Camargo reisen, wie ich es immer tue, wenn ich mal wieder ohne Arbeit bin, kann ich nun wegen Covid nicht. Ich bin aber unendlich dankbar für die Hilfe, die ich hier bekomme. Ich habe ein Dach über dem Kopf und Sinp'arispa schenkt mir auch noch die Lebensmittel! Ein wenig schäme ich mich schon, dass ich die Hilfe hier immer wieder beanspruchen muss, wenn ich keine Arbeit habe. Deshalb packe ich auch so gerne an, wenn ich etwas machen kann! Ich helfe beim Putzen und helfe im Garten!"

Gartenarbeit
Gartenarbeit Eintopfen

Inzwischen kümmert sich die Leiterin, Elizabeth Montero, um die aktuellen Probleme "ihrer" Dienstmädchen. Sie kennt so viele unter ihnen, die sich in einer akuten Notlage befinden, denn die meisten sind wegen Corona nach Hause geschickt worden und haben nun keinen Lohn. Für Wochen ohne Einkommen sind in Bolivien die wenigsten Leute gerüstet, deshalb vergibt der Staat nun Beiträge an Mütter mit Neugeborenen, an Eltern mit Schulkindern und Lebensmittelpaketet an notleidende Familien. Das muss man aber erst mal wissen, und dann auch noch, wie man dazu kommt. Elizabeth Montero ruft die Dienstmädchen deshalb an, hört sich ihre Sorgen an und gibt Ratschläge. Und sie erstellt zuhanden der städtischen Behörde eine Liste mit denjenigen Personen und Familie, die am dringendsten auf Lebensmittelhilfe angewiesen sind. Am Montag soll es mit der Verteilung nun endlich losgehen. Wie genau die Pakete zu den ärmsten Dienstmädchen kommen, darum kümmert sie sich jetzt.

Alte Frau abeim Abwaschen

Wäre der April 2020 normal, so wäre ich jetzt in Bolivien, hätte viele mehr oder weniger dringende Aufgaben in Sucre und Santa Cruz erledigt, den Bau in Santa Cruz weitergeplant und den Schweizerclub besucht, um längerfristig möglichst viele faire Arbeitsplätze vermitteln zu können., und würde morgen zurückreisen. Aber nun bin auch ich natürlich zu Hause geblieben. Trotzdem lässt sich vieles tun.
Als dringendste Aufgabe werde ich ein direktes, eigenes Nothilfeprogramm in unseren Anlaufstellen aufgleisen. Es muss doch möglich sein, Beträge aus unserem Nothilfefonds direkt auszubezahlen, auch wenn das mit den Cheques zur Zeit nicht klappt! Notfalls müssen wir eben Geld auf ein Konto überweisen, von dem das Geld per Bankomat abgehoben werden kann, denn die Bankschalter bedienen nur das Dringendste, wie das Auszahlen der Altersrenten und der Notbeiträge, und schon dadurch sind die Schlangen davor schier endlos. Für weite Fusswege und endloses Schlangestehen sind fünf Stunden allerdings viel zu kurz! Und wann dann noch einkaufen, wenn man erst eine Woche später wieder raus darf? Die Schlangen in den sonst natürlich geschlossenen Schulen sind übrigens auch endlos, denn für den Unterstützungsbeitrag braucht es ein abgestempeltes Schulzeugnis, und das haben viele Schüler*innen nicht. Wer eine Nachmittags- oder Abendschule besucht, hat allerdings Pech gehabt, denn die sind aufgrund der Ausgangssperre zur Zeit gar nie geöffnet...
Im Hintergrund arbeite ich mit Zita Bauer, Masterstudentin in Sozialanthropologie, die die Anlaufstellen vor einem knappen Jahr ausführlich besucht hat, an einem neuen Webauftritt für den Trägerverein. Und zusammen mit Social BnB arbeite ich an einem Gast-Unterstützungsprogramm für die Anlaufstellen direkt vor Ort. Die GV des Trägervereins dagegen muss noch ein wenig zuwarten.
Bei all dem geniesse ich neben dem Fernunterrichten den Frühling, auch wenn er viel zu trocken ist, und unser unbeschreibliches Privileg, an einem Ort zu leben, wo das Leben selbst in Coronazeiten einigermassen funktioniert, wo die allermeisten Menschen trotz allem gut aufgehoben sind und Zugang zum Gesundheitswesen haben, und wo selbst in den schwierigsten Situationen die wenigsten Menschen vor die Entscheidung gestellt sind, entweder an Corona oder an Hunger zu sterben. Möge die Welle der Solidarität auch jenen gelten, die dieses Glück nicht kennen!



"Sinp'arispa", heisst die gut funktionierende und schon weit herum bekannte Anlaufstelle für Dienstmädchen in Sucre; das bedeutet in Quechua "flechtend". Dienstmädchen werden aus ihrer Isolation herausgeholt, vernetzt, gestärkt und aufgerichtet. Sie helfen sich gegenseitig weiter und flechten Freundschaften. Die junge Zweigstelle in Santa Cruz, heisst "lasst uns flechten" in Guaraní: "Ñañope". Schaffen wir es, den nötigen Erweiterungsbau zu finanzieren?

Herzlichen Dank für alle bisher schon eingegangenen Spenden!
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kann noch mehr bewirken!

Spendenkonto CH13 0900 0000 6056 2232 2

Trägerverein Anlaufstelle für Dienstmädchen in Bolivien
4410 Liestal
Maria Magdalena Moser, Projektleitung

mmm@dienstmaedchen-bolivien.org
www.dienstmaedchen-bolivien.org