Zum Jahreswechsel (01.01.09)

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Neue GesichterFür die Anlaufstelle Sinp'arispa ist der Jahreswechsel ein bedeutender Punkt: Nach dem Jahr des Aufbaus, der ersten Schritte und der ersten Erfolge beginnt nun die Zeit der Konsolidierung der jungen Anlaufstelle. Bald ein halbes Jahr ist es schon her, seit wir als Familie aus Bolivien zurück in die Schweiz reisten und Sinp'arispa in die Hände unserer bolivianischen NachfolgerInnen übergaben. Mit einem lachenden und einem weinenden Auge hatten wir Abschied genommen, zuversichtlich zwar, was die Anlaufstelle anging, aber doch auch etwas ängstlich, ob das eben erst im Entstehen befindliche Werk bereits auf eigenen Füssen zu stehen im Stande war.

Die Nachrichten, die uns seit unserer Rückkehr in die Schweiz regelmässig erreichen, stimmen uns mehr mal zufrieden: Die Anlaufstelle entwickelt sich in rasantem Tempo, viele neue Gesichter tauchen auf Fotos auf, die Nachfrage nach Beratung, Betreuung und Nothilfe steigt ständig. Kein Zweifel, die Kunde von der Anlaufstelle spricht sich allmählich herum und die Kampagnen in Abendschulen, an Radio und Fernsehen tragen Früchte.

Eigentlich war uns immer klar gewesen, dass das Bedürfnis nach einer Anlaufstelle für Dienstmädchen gross sein musste, wenn wir uns die Ausbeutungsproblematik vor Augen hielten. Aber dennoch blieb die Frage offen, ob die Dienstmädchen auch wirklich kommen würde, solange die Probe aufs Exempel fehlte. Die erheblichen Schwierigkeiten mit der Gewerkschaft vor einem Jahr fügten noch einige Fragezeichen dazu. Nun aber steht es fest, das Projekt entspricht einem grossen Bedürfnis. Die Anlaufstelle ist in ihrer Form die treffende Antwort auf den ins Auge gefassten Problemkreis.

Zielgruppe Austausch

Immer wieder kommen jetzt auch ganz junge Mädchen in die Anlaufstelle. Diese Zielgruppe ist am stärksten von Ausbeutung bedroht. Ihnen in den ersten Tagen in der Stadt Schutz zu gewähren und schliesslich eine würdige Arbeitsstelle zu verschaffen, ist eine der wichtigsten Aufgaben von Sinp'arispa. Wo dies gelungen ist, gibt es allen Grund zur Freude.

Auch die schon etwas erfahreneren Dienstmädchen nehmen Anteil daran und stehen den Neuankommenden bereits freundschaftlich und beratend zur Seite. Die selbst erhaltene Hilfe wird mit einem Schneeballeffekt weitergegeben.

Rezepte tauschenRezepte tauschen dient immer wieder als Anlass, um Erfahrungen auszutauschen und sich gemeinsam zu beraten. Der erste Schritt zur Verbesserung der Lebensqualität ist meist die Wahrnehmung, nicht die einzige zu sein, die hilflos ist oder Ausbeutung erlebt. Anderen geht es ähnlich, ist die entlastende Entdeckung, und darauf folgt das Bedürfnis, aus deren Erfahrungen zu lernen. Dass nebenher die Küche in einigen Häusern der Stadt vielfältiger werden dürfte, kommt schliesslich allen zugute. Und wer kennt sie nicht: die Freude an einem gelungenen neuen Rezept im oft monotonen Alltag der endlos wiederkehrenden Haushaltsverrichtungen.

gemeinsames Feiern Weihnachtsbasteln

Die Gruppe wächst stetig und viele Wochenends-Aktivitäten sind schon zum festen Bestandteil des Alltags geworden. Gemeinsam werden zum Beispiel die Geburtstage der Dienstmädchen gefeiert, die weit von zu Hause weg ein Jahr älter werden, oft ohne jede Anteilnahme. Mit seinesgleichen am Tisch sitzen, so viel wert sein, wie jede andere, Glückwünsche empfangen und ein Stück Marmortorte nach Berner Rezept geniessen - das ist ein neues Lebensgefühl. In der Vorweihnachtszeit wurden unsere Bastelvorschläge vom Vorjahr freudig wieder aufgenommen, und die Konzentration zeigt, wie innig die Mädchen dabei sind. In einem Alter, in dem in der Schweiz jede Erwerbsarbeit noch verboten wäre und es selbstverständlich ist, dass Kinder lernen und sich entwickeln müssen, ist kreatives Tun besonders wichtig und ein Beitrag an ein würdigeres Leben.

Die Weihnachtsfeier schliesslich, wurde dieses Mal nun wirklich ein grosser Erfolg. Obwohl es wie letztes Jahr heftig regnete, konnte das Wetter die Freude am gemeinsamen Fest in der neuen Anlaufstelle kaum mehr beeinträchtigen. Die ganze Nacht wurde gefeiert und getanzt. Nach der Mitternachtsmesse wurde wieder die berühmte Picana gegessen.

Niemand wollte schlafen oder gar nach Hause zurück, und so dauerten Tanz und Gelächter bis in die Morgenstunden. Zum Frühstück wurden sogar noch Buñuelos gebacken und Api gekocht, und nach dem gemeinsamen Frühstück kehrten die Mädchen und Frauen müde und glücklich heim, um sich am manchmal fast einzigen Feiertag genüsslich auszuschlafen.

tanzen_2 tanzen

Auf den neusten Fotos sehen wir aber auch viele bekannte Gesichter. Es ist eine Freude für uns, die Entwicklung einzelner Dienstmädchen mitverfolgen zu können und Zeugen ihrer Dankbarkeit gegenüber der Anlaufstelle zu werden. Immer wieder erreichen uns e-mails, die zeigen, wie wertvoll das Engagement von Sinp'arispa für ihr Leben war und ist: Der geschuldete Lohn wird endlich ausbezahlt, eine würdige Arbeitsstelle mit anständigen Arbeitsverhältnissen gefunden, die Abendschule kann nun erfolgreich besucht werden, ein gemeinsames Zuhause und Aktivitäten geben der nun gefestigten wöchentlichen Freizeit Sinn. Die Nachrichten sind rührend, und der Dank in die Schweiz unendlich gross.

SelbstvertrauenDie Anlaufstelle hat längst nicht mehr nur in Einzelfällen helfen können. 75 Dienstmädchen waren im November schon registriert, 25 Arbeitskonflikte konnten bis dahin schon gelöst werden, und 15 wirklich gute Arbeitplätze vermittelt. Die Anfrage nach Dienstmädchen übersteigt bei weitem die Zahl der von Sinp'arispa vermittelbaren Mädchen und Frauen, allerdings stimmen die Anstellungsbedingungen auch nicht immer. Häufig schickt die Leiterin der Anlaufstelle potenzielle Arbeitgeberinnen mit der Auskunft weg, dass es bei uns keine Mädchen mehr gebe, die bereit seien, fast ohne Lohn zu arbeiten oder auf Freizeit zu verzichten. Natürlich sind nicht alle Arbeitgeberinnen glücklich über diesen Nachhilfeunterricht über das Gesetz bezüglich der Anstellung von Dienstmädchen. Und in einem Fall reagierte die Dame regelrecht entrüstet: Als sie erfuhr, dass die Dienstmädchen mit Sinp'arispa am Sonntag nach einem interregionalen Fussballspiel in Potosí im Thermalbad waren, konnte sie die Welt nicht mehr verstehen. "Wo hat man denn so etwas schon gehört, dass Dienstmädchen ins Thermalbad gehen? Was sind denn das für Zeiten, wenn die Mägde sich verhalten, als wären sie unsereins!"

im SchwungDass die Zeiten sich auch in Bolivien für die abertausenden von Dienstmädchen sich allmählich ändern, das wünschen wir ihnen herzlich. Und viel Schwung und Elan, um den Widerständen entgegen zu treten. Möge sich das bereits aufflackernde Licht in vielen Dienstmädchenleben in Sucre ausbreiten und noch zu vielen mehr weitergetragen werden! Bleibt im Schwung in Sucre!
Wir in der Schweiz wollen uns dafür einsetzen, dass auch im neuen Jahr genug Geld für den Trägerverein zusammenkommt und die Hilfe nachhaltig möglich bleibt!

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