Wo geht's hin

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paro_civico.jpg Heute ist schon wieder Generalstreik. Dadurch fällt auch der Quechua-Unterricht aus, den Elizabeth und ich seit Anfang Juni regelmässig besuchen. Einige Grundkenntnisse haben wir inzwischen erworben. Nun können wir schon einfache Sätze bilden und auch ab und zu etwas verstehen. Elizabeths Stärke ist der Wortschatz, hört sie diese Sprache doch seit vielen Jahren immer wieder. Meine liegt eher im Erfassen der Sprachstrukturen, denn darin habe ich mich im Gegensatz zu ihr ja schon anhand von mehreren Sprachen geübt. Dafür fällt mir das Auswendiglernen der vollständig fremden Wortklänge schwer. "Imaynalla masikuna?" - Wie geht es euch, Freunde des Projekts? Bei uns ist es kalt heute. Neben mir brennt im Chemine ein kleines Feuer. Gestern fielen die ersten feinen Niederschläge, seit wir in Sucre sind. Die Strassen waren wie vereist. Mehr als drei Monate hatten sich Staub und Schwermetalle gesammelt, die sich mit der Feuchtigkeit in einen feinen, äusserst glitschigen Film verwandelten. Nach der ersten Feuchtigkeit wird nun der Frühling rasch kommen. Auf politischer Ebene ist von Frühling oder Aufbruch jedoch nichts zu spüren, im Gegenteil. Die Lage spitzt sich zu, die Fronten verhärten sich und die Gewaltbereitschaft steigt. Heute machen schon fünf weitere "Departamentos" (=Kantone) beim Generalstreik mit. Und die Stadt Sucre mobilisiert ihre Bevölkerung - mehr als 600 Personen befinden sich im Hungerstreik. Aber auch die Regierungsseite mobilisiert viel Volk. Gestern kam eine grosse Zahl von Bauern in die Stadt, die sich für "ihren" Präsidenten und seine Politik in La Paz einsetzen. Wie sich die Sache entwickeln wird, ist mehr als fraglich. Ein echter Ausweg scheint nicht in Sicht, eher die Hoffnung darauf, dass sich die Dinge irgendwann einfach wieder beruhigen und die Kampfbereitschaft einschläft, wie es in diesem Land auch schon öfter vorgekommen ist. Was uns persönlich sehr beschäftigt, ist das direkte Miterleben einer massiven Manipulation und Fanatisierung. Wir glauben nicht wirklich an eine echte Auseinandersetzung um Demokratie oder den Regierungssitz, sondern an ganz konkrete Interessenspolitik. Den einflussreichen Sucrensern geht es um die nächsten Wahlen und darum, ihre Privilegien zu sichern und den verhassten, als Kommunisten und Diktator bezichtigten Präsidenten aus dem Ruder zu heben. Und der Regierungspartei um die Kontinuität ihrer Macht und die Erhaltung der nach Jahrhunderten der Unterdrückung endlich erlangten leisen Änderungen. In der Tür des Kindergartens von Laila bekommt Leo täglich einen Eindruck der Stimmung in Oberschichtskreisen der Stadt Sucre. Und in der Gewerkschaft erlebe ich mit, welche Wirkung die Manipulation bei der Unterschicht erreicht. Auf allen Ebenen tun wir gut daran, unsere Zweifel an der Echtheit der Interessen von Sucre zu verschweigen. Querdenker sind nicht gefragt. Progromszenarien scheinen nicht weit entfernt. In diesem Moment fährt schon das erste Sirenenfahrzeug an unserem Haus vorbei. Ich kann nicht mehr, als Manuel eindringlich zur Vorsicht zu mahnen, bevor er mit seinem neuen Geburtstagsvelo einen Ausflug ins Zentrum unternimmt...

gruppenbild_gewerkschaft.jpg Bei alledem bleiben wir aber doch hartnäckig an unserer Aufgabe hier in Bolivien. Wir wollen die Gewerkschaft der Hausdienstangestellten unterstützen und eine Anlaufstelle für Dienstmädchen aufbauen. Dass dies offenbar in sich schon ein Widerspruch sein soll, will ich später erklären. In den knappen drei Monaten, seit denen Elizabeth und ich die Gewerkschaftsaktivitäten besuchen, haben wir einiges an Vertrauen und Freundschaft aufbauen können. Etliche der Frauen sind uns nahe gekommen. Einige sind mir sehr verbunden, weil ich sie spätabends regelmässig zu ihren weit gelegenen Wohnorten fahre und ihnen so einen oft mehr als stündigen nächtlichen Marsch erspare. Andere sind dankbar für die Fotos, die ich ihnen ab und zu schenke, wie dieses Gruppenfoto zum Beispiel. Wie tief die Freundschaft über das Empfangen von "Geschenken" hinaus reicht, ist allerdings schwer zu sagen. Die für mich kaum nachvollziehbaren, immer wieder auftauchenden Intrigen können sich unverhofft auch gegen uns richten, obwohl wir uns tunlichst aus solchen Angelegenheiten heraushalten. Trotzdem glaube ich, teilweise echte Freundschaft wachsen zu sehen.

gewerkschaftssitzung.jpg Immer wieder bin ich erstaunt darüber, dass ich die Namen vieler Gewerkschaftsfrauen inzwischen schon besser kenne, als der harte Kern es selbst tut, und dies, obwohl ich noch nie ein gutes Namensgedächtnis hatte und viele der Frauen für mich Ähnlich sind, was Frisur, Kleidung und Gesichtszüge angeht. "Hilf mir schnell, wie heisst die Frau schon wieder?", wende ich mich an eine der "Alten" und erhalte als Antwort ein desinteressiertes: "Wie mag sie wohl heissen?". Dass einer solchen Gruppe Einheit und Stosskraft fehlt, scheint mir nicht erstaunlich. Ich werde versuchen, daran zu arbeiten, falls man mir Gelegenheit dazu gibt. Auch an konkreten Zielen scheint es der Gewerkschaft zu fehlen. Seit das Gesetz zum Schutz der Hausangestellten verabschiedet wurde, fehlt eine eigentliche, alle Tätigkeiten vereinende Aufgabe, und die Aktivitäten verzetteln sich. Doch an grundsützlicher Planung zu arbeiten, ist mit diesem Gremium nicht leicht, wie sich am Planungsworkshop letzten Sonntag einmal mehr gezeigt hat, der von der nationalen Föderation offeriert wurde. Das Bildungsniveau der Gewerkschafterinnen ist extrem tief, und wo Verständnis nicht einmal angestrebt wird, ist Manipulation und Einzelinteressen-Politik leicht.

vereidigung_n_gewerkschaftsf.jpg Das wurde auch bei den Wahlen der neuen Gewerkschaftsführung Ende Juli deutlich. Wer für das Amt der Gewerkschaftssekretärin geeignet ist, spielte eigentlich keine Rolle. Die Stimmzahldifferenzen waren knapp und widerspiegelten in erster Linie die Spaltung der Gruppe. Dass nun mit Beatriz eine gutmütige, liebenswerte junge Frau mit keinerlei eigener Linie und Durchsetzungsvermögen auf den einzigen bezahlten Posten gewählt ist, erscheint mir ärgerlich aber konsequent. Zu hoffen bleibt, dass sie nicht als Marionette zwischen den verschiedenen Richtungen zermalmt wird. Nichtsdestotrotz ist frau stolz auf die Mitgliedschaft in der Gewerkschaft, vor allem, wenn sie am Nationalfeiertag die Standarte durch die von Zuschauern gesäumten Strassen der Innerstadt trägt. Und das, obwohl wir auf diesen Moment dieses feierlichen "Defilés" während vier Stunden in der Sonne auf der Strasse stehend warten mussten, bis der Präsident des Landes seine dreieinhalb-stündige Rede beendet hatte.

standarte.jpg Der Stolz und die Identifikation mit der Gewerkschaft nehmen aber auch schräge Formen an. So scheint es nach zartem Abtasten nicht leicht zu werden, eine Anlaufstelle zu gründen, ohne dabei in einen erbitterten Kampf mit der Gewerkschaft zu geraten. Die Gewerkschaftsaktivistinnen betrachten sich leicht als "die Dienstmädchen" schlechthin. Dass sie mit rund 30 Personen von den geschätzten 7000 in Sucre nur einen geringen Teil davon ausmachen, und erst noch den in den meisten Fällen privilegiertesten, wird unter den Teppich gekehrt. Eine private Institution, die etwas für die Dienstmädchen in Sucre tun will, scheint sie in ihrer Identität zu bedrohen und schlimmer noch, in ihren Befürchtungen von ihnen profitieren zu wollen, um sich persönlich zu bereichern. Dennoch ist es äusserst wichtig, unabhängig zu sein, will die Anlaufstelle nicht im Gewerkschaftsdickicht ersticken sondern aktiv Wege verfolgen, die Leid vermindern und auch präventiv wirken können. Zu diesem Zweck sind wir nun damit beschäftigt, hier in Sucre einen stützenden Aufsichtsrat für die Anlaufstelle zu gründen. Einige Gespräche mit erfahrenen, eigenständigen Persönlichkeiten aus verschiedenen Berufen habe ich schon führen können. Die Echos sind recht positiv, wenn auch die Zeitfrage ein Problem ist und ehrenamtliche Arbeit nicht gerade verbreitet...

steile_strasse.jpg Sonntagmittag war es, etwas mehr als zwei Wochen ist es her. Die Sonne stach und machte uns müde. Laila jammert, weil die Strasse so steil hinan geht. Ich ermuntere sie, ziehe sie nach und spüre doch auch mein eigenes Herz tüchtig klopfen - die Höhe von knapp 3000 M. ü. M. macht sich bei Anstrengungen auch nach Wochen noch spürbar. Endlich finden wir den Fleck am Steilhang, der in der Zeitung inseriert war. Und die Besitzer sind sogar gemäss telefonischer Abmachung vor Ort. Aber begeistern kann uns das Grundstück nicht. Steil ist es, und von der Strasse her nur über ein Bord zu erklettern. Und der viele Beton, der zum Halt des Hangs als Stützmauern schon eingebaut ist, erscheint nach gründlicherem Betrachten erst noch als ungenügend. Da würden wir uns einen rechten Brocken aufhalsen, denken wir, und verabschieden uns dankend. Jedes Ding hat seine Tücke, das haben wir inzwischen an vielen verschiedenen Häusern und Grundstücken feststellen können. Entweder ist die Bausubstanz abbruchreif, das Grundstück weit von öffentlichen Verkehrsmitteln entfernt, oder dann zentral aber dafür unsinnig teuer und durch die Auflage der Heimatschutzbehörde kaum als Anlaufstelle für Dienstmädchen nutzbar. Jedes Mal wägen wir Vor- und Nachteile und die Preisfrage ab und zweifeln schwer. Vielleicht müssen wir halt doch reumütig von der zentralen Lage absehen, denken wir einmal mehr. Die Altstadt von Sucre steht unter UNESCO-Weltkulturerbe, um die wunderbare Kolonialarchitektur zu schützen. Natürlich sind wir froh darum und kümmern uns deshalb rechtzeitig um die Bestimmungen der Behörden. Ein günstiges Altstadthaus, das wir eng in Betracht gezogen hatten, hat sich dabei als in dieser Form unverkäuflich erwiesen. Auf dem Rückweg schauen wir noch ein anderes Grundstück an, dessen Verkäufer wir noch nicht auftreiben konnten, und schätzen die Quadratmeterzahl ab. Irgendwie scheint es für eine Anlaufstelle doch zu eng. Wir setzen uns eine Weile in den Schatten, wo es uns jedoch bald zu frösteln beginnt. Laila ist mit einem Sprudel und ein paar Chips besänftigt, aber es wird nicht lange dauern, bis sich der Hunger wieder bemerkbar macht. Auch die Jungs zuhause sind bestimmt schon hungrig. Trotzdem versuchen wir noch einmal, die Frau zu erreichen, die ihr Grundstück ebenfalls in der Sonntagszeitung inseriert hatte, der besten Inserate-Plattform. Schliesslich nimmt sie ab, und wir können sie fragen, weshalb sie nicht wie vereinbart um halb elf vor Ort war. Irgendeine Antwort, aber sie komme jetzt, wir sollten doch noch eine Viertelstunde auf sie warten. Seufzen. Es wird sich ja doch kaum lohnen.

garten.jpg Endlich treten wir durch die schmale Türe und sehen die Stufen hinunter. Der Anblick des Grundstücks zu unseren Füssen verschlägt uns die Sprache. Vögel zwitschern, es riecht nach "Molle", dem alten einheimischen Baum. Hier sind wir ja auf dem Land, durchzuckt es mich. Überall verwilderte Geranien, sogar eine blühende Amaryllis spüre ich am Rand des Ziehbrunnens auf. Feigenbäume treiben am Ende des hiesigen Winters schon wieder Blätter. Das hier ist das Paradies, denke ich, wie ist es möglich, dass es käuflich ist. Keine fünf Minuten zu Fuss von der Stadtmitte mit dem gesamten öffentlichen Verkehr entfernt. Hier müssten die in der Stadtgesellschaft eingequetschten, entwurzelten jungen Mädchen vom Land in einer freien Sonntagsstunde Erholung finden dürfen. Vor meinem inneren Auge zeichnen sich Hängematten, Schaukeln und ein Gartentisch ab. Wer sollte hier nicht herkommen wollen, um Gemeinschaft und Unterstützung zu finden? "Tinkunachis" - Lasst uns zusammenkommen! Hier macht der provisorische Name für die Anlaufstelle tiefen Sinn. Auf diesem Stück Erde lassen sich nicht nur Leidensgenossinnen treffen, nicht nur engagierte Hilfe, sondern hier kann ich auch mich selbst wieder finden, meine Seele, und die Beziehung zur tragenden Erde, zur Pachamama, von der die Stadt mich abzuschneiden schien.

Inzwischen scheint die Sonne wieder und Manuel ist unversehrt und glücklich von seinen Ausflügen zurück. Auch die anderen drei geniessen den schulfreien Tag auf der Schaukel und im Sandkasten.

schmale_tuere.jpg Die Verhandlungen im Bezug auf das Grundstück sind fortgeschritten. Zu unserer grossen Freude haben wir die anderen Interessenten in den Schatten stellen können. Die Verkäuferin denkt auch lieber an ein Entwicklungsprojekt an dem Ort als an einen Renditebau. Aber die Frage der Finanzierung ist gross. Ob wir mit der Hilfe des Trägervereins es schaffen können, die hohen Kosten für Grundstück und einfache Zweckbauten irgendwann zusammen zu bekommen? Ob wir inzwischen unseren bescheidenen Ersparnisse und private Darlehen einsetzen sollen? Der Traum, durch diese Türe bald Dienstmädchen ein und ausgehen zu sehen, die Unterstützung und Erholung erlebt haben, gibt uns Kraft und Ausdauer. Nach wie vor sind wir von den guten Voraussetzungen des Projekts überzeugt. Und dass es einen langen Atem braucht, steht ohnehin ausser Frage. "Empowerment"-Projekte, wie die besonders die Frauen der Unterschicht stärkenden Projekte so schön genannt werden, können nie nach einigen kurzen Jahren als erledigt betrachtet werden.

 
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