Weihnachten im Sommer (28.12.07)

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SonnenblumeWer hätte gedacht, dass der mitgebrachte Sonnenblumenkern, den wir am Abschiedsfest im April geschenkt bekommen und im September mit Laila in einen Topf gesät hatten, genau am Weihnachtstag seine Blüte öffnet? Ein Same aus der Schweiz, im bolivianischen Boden zur Blume geworden, begrüsst das Gotteskind auf bolivianische Art?

Ein Weihnachtsfest vorbereiten, das wie diese Blume unsere Wurzeln und Wünsche zu verbinden vermag mit den hiesigen Umständen einerseits, und den Voraussetzungen und Bedürfnissen einer eben gerade im Entstehen begriffenen Dienstmädchen-Anlaufstelle andererseits, ist keine Kleinigkeit.

Seit dem Eröffnungsfest der Anlaufstelle Sinp’arispa am 9. Dezember war die weihnachtliche Art von Begegnung Thema unserer Aktivitäten. Mit grossem Eifer haben Rafael und Benjamin sonntags Kerzenschmuck mit den anwesenden Dienstmädchen gebastelt, den sie abends glücklich und stolz nach Hause nahmen.

Kerzenschmuck Rezept-Abschrift

Für uns ganz selbstverständlicher Bestandteil der Alphabethisierungs-Adventsabende, zu denen mich Laila begeistert begleitete, war ein gemütliches Teetrinken mit Kerzenschein. Wenn auch die Zahl der Interessierten erheblich schwankte, was wohl auch mit dem anhaltenden kalten Regen zusammenhing, so war die Stimmung doch immer sehr gut und hat dazu beigetragen, Verbindung zu schaffen.

Butter-SAm vierten Adventssonntag bauten wir gemeinsam die Krippe auf und buken nach Elis wunderbarer Gemüsesuppe fröhlich Pizzas. Wir liessen uns die Stimmung auch durch die Gewerkschaft nicht verderben, die gleichzeitig zu einer Tagessitzung über die problematische Konkurrenzinstitution, als die sie uns empfindet, geladen hatte, und dies in sogar deutlich ausgesprochenem Ausschluss von Eli und mir.

Laila Krippe

Den Rohbau des kleinen Versammlungssaals richteten wir soweit ein, dass er auch einigermassen für die heilige Nacht gerüstet war. Der kleine Industrieofen ermöglichte uns feine Pizzas und leistete gleichzeitig seinen Beitrag zum Trocknen der feuchten Zementmauern, was sich nachträglich jedoch leider als müssig erweisen sollte. Butter-SDer Heilige Abend schliesslich war als interkulturelle Weihnachtsfeier im Familien- und Dienstmädchenramen fast perfekt. Elizabeths Familie hatte sich dafür entschieden, bei uns in Sucre zu bleiben und tatkräftig dabei zu sein, und hatte die zehnstündige ersehnte Reise nach Monteagudo zu den Familienangehörigen auf dem Land auf den Weihnachtstag verschoben. Unsere Dankbarkeit dafür ist tief, gerade auch Freddy gegenüber, Elizabeths Mann, der mit der Anlaufstelle ja weniger direkt verbunden ist, und trotzdem immer munter dabei.

freddy mit PizzaDen ganzen Nachmittag über waren Elizabeth und ich am Kochen, zeitweise unterstützt durch Doña Alberta und Maria Elena, die fröhlich schon früh auftauchten und zum Tee immerhin Linzertorte mit uns genossen. Schliesslich waren wir kulinarisch reichhaltig versorgt: „Dampfnudeln“, nach dem Rezept meiner süddeutschen Grossmütter, mit Vanille-Sauce und Glühwein zum Abendessen, und die berühmte bolivianische Weihnachts-„Picana“ um zwei Uhr früh! Dafür aber spielten uns das Wetter und die Stromversorung einen üblen Streich: Nachdem es im Verlauf des Tages schon mehrfach geregnet hatte, was sämtliches Agieren hochgradig erschwert, gilt es doch für jede Kleinigkeit den Hof zu überqueren und unter freiem Himmel abzuwaschen, so kam der grosse Regenguss pünktlich zum Servieren der Dampfnudeln, und dazu auch noch ein mehr als einstündiger Stromausfall. Um den von Kerzen erleuchteten Tisch gedrängt, genossen wir zusammen mit den fünf Dienstmädchen mit den wenigen auffindbaren Löffeln abwechslungsweise Dampfnudeln und Vanillesauce, während Leo mit der letzten Kerze die undichten Stellen ausfindig machten, durch die der Regen hereinströmte. Eimer fassten schliesslich vieles, danebem bildeten sich dennoch Lachen, aber wenigstens nicht in der Mappe mit dem Fotoapparat oder an ähnlich heiklen Orten.

Schlimmer aber als die ungemütliche Nässe im Saal war jedoch die Konsequenz des Regens und der Dunkelheit, die mit dem Stromausfall über der ganzen Altstadt lag: Wer nicht schon bei uns war, konnte nun wirklich kaum mehr kommen – und das um neun Uhr abends, genau als die meisten Dienstmädchen gekommen wären. Es blieben haufenweise Dampfnudeln und Liter von Glühwein übrig. Die Stimmung war aber trozdem gut, selbst als es draussen zu regnen aufhörte und wir lachend feststellen mussten, dass es wohl nur noch in unserem Weihnachtssaal weiterregnete.

WeihnachtstanzWährend Leo und Freddy die Kinder ins Bett brachten, brachen später wir Frauen alle gemeinsam mit Manuel zur Mitternachtsmesse auf. Durch die Strassen der Altstadt folgten wir erst eine Stunde lang der Weihnachts-Prozession, beeindruckt von den so anderen Klängen der Musik und dem sportlichen Einsatz des jungen Tänzers, der zusammen mit ein paar hüpfenden Kindern dem Zug voranging. Die Messe in der Kathedrale schliesslich war schön und gut besucht, und wir hätten sie auch gern etwas konzentrierter verfolgt, wenn uns nicht die Müdigkeit arg zu schaffen gemacht hätte. Anschliessend spazierten wir gemeinsam mit unseren inzwischen acht Gästen wieder zurück ins Sinp’arispa, wärmten die Picana auf und genossen diese reichhaltige Suppe mit allen Arten von Gemüsen und zwei Fleischsorten. Und dann war trotz aller Müdigkeit noch Tanzen angesagt, bevor sich fünf der Dienstmädchen im fertigen Zimmer zum Schlafen einrichteten und Eli, Manuel und ich nach Hause konnten.

WeihnachtstanzIch habe erst am folgenden Tag, beim Weihnachtstanz mit Manuel in der Gewerkschaft, erfassen koennen, weshalb um diese nächtliche Stunde – es war schon nach zwei Uhr früh – in dem nassen Saal unbedingt noch getanzt werden musste: Was für uns geradezu unpassend erscheint, ist eine andere Form des Gebets. Nicht in erster Linie um Sammlung und Konzentration geht es dabei, sondern um die rituell eigentümliche Art von Verehrung, den Tanz eben. Wie sollte das Kind schier unbeachtet in der Krippe liegen bleiben? Tanzend wende ich mich dem Gotteskind zu und drücke in meiner fröhlichen Bewegung meine Freude und Dankbarkeit aus, die ich dem göttlichen Kind gegenüber empfinde. Das kann ich auch unmöglich allein, nur in der Form eines Volkstanzes stimmt die Dankbarkeit der ganzen Gemeinschaft. So in etwa erahne ich den tieferen Sinn des Weihnachtstanzes,und ich spüre, dass es noch viel zu lernen gilt.

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