Vertraut, aber nicht leicht

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Der Anblick der Altstadt von Sucre ist jedes Mal wieder bewegend. Die weisse Kolonialstadt, einst Königin unter den Städten dieses Kontinents und Ort seiner ältesten Universität, zum grossen Teil erhalten und belebt wie vor Jahrhunderten, beeindruckt uns wieder. Auch nach den sieben Jahren in der Schweiz wirkt sie auf uns immer noch vertraut. Die Strassen und Plätze sind in unserer Erinnerung wach geblieben, auch das Bild ihrer vielfältigen Bewohner. Gleich bei unserer Einfahrt in die Stadt treffen wir schon zufällig auf ein bekanntes Gesicht aus unserem früheren Wirkungskreis. Und als wir richtig da sind, ist die Wiedersehensfreude riesig: mit Gastón zuerst, unserem ehemaligen Austauschschüler in der Schweiz, dann mit der Familie von Benjamins Taufpatin Elizabeth, die nun auch unsere Arbeitskollegin werden soll. Tief wärmende Freundschaft, ungetrübt durch lange Jahre der Distanz, empfängt uns. Wir sind angekommen.

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Gleich kocht uns Elizabeth eine grosse Suppe. Wir essen fröhlich um ihren kleinen Tisch gedrängt, Freddy, ihr Mann, improvisiert zusätzliche Stühle. Es gibt viel zu erzählen und zu erfahren. Erst unsere Autos mit dem ganzen Staub darauf erklären unmissverständlich, auf welche Weise wir angereist sind. Nun nehmen auch die Kinder den Draht zueinander gleich wieder auf. Die Reise vor drei Jahren, als wir im Sommer für zwei Monate nach Bolivien kamen, wirkt hier als tragende Brücke über die sieben Jahre Abwesenheit. Wir sind beeindruckt, wie gut die Buben noch Spanisch können. Und Laila schliesst die Freundschaft zu Fernando und Emmanuel auch ohne viele Worte wieder neu.

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Während ich heute, gute drei Wochen später, am Computer sitze, um diesen Bericht zu verfassen, klopft jemand im Hof Fleisch zart. Es dürfte wohl die alte Frau sein, die schräg unter unserem Schlafzimmer zwei kleine Räume bewohnt. Sie ist immer freundlich, stöhnt nur einmal in einer ruhigen Stunde über die Jugendlichen – sind es ihre Enkelkinder? – die ihr immer so viel Wäsche verursachen. Was in der Sonne trocknen soll, steht unter dem Fenster. Hier wäscht sie auch Geschirr und Kleider. Dafür holt sie das Wasser mit einem Eimer her. Das Schmutzwasser schleppt sie hinüber zum Abfluss auf der anderen Seite des Hofs. Für die Toilette muss sie dann noch eine steile Treppe hinunter auf den Parkplatz, wo nachts dicht gedrängt fünf Autos stehen und die drei Hunde zu Hause sind. Dort gibt es in einer Ecke ein Häuschen mit Eimerspülung für die einfachen Mieter. Wir hingegen haben auf der Terrasse eine kleine Toilette mit Spülung, einem winzigen Lavabo und an der Decke einem Duschhahn, aus dem sogar einigermassen warmes Wasser kommt.

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Nach kurzem Überlegen haben wir gleich am Tag unserer Ankunft beschlossen, uns im „Neubau“ auf der anderen Hofseite unserer Freunde Elizabeth und Freddy einzurichten. Eli’s Schwiegermutter, der das ganze Grundstück gehört, ist überglücklich. Für die vier Zimmer und die Abstellkammer, die im hellen Gebäude im Hintergrund noch frei waren, bezahlen wir schliesslich stolze 150 Dollar monatlich. Und zwar zuverlässig und im Voraus, was hier schon sehr viel bedeutet. Die übrigen Mieter in unserem „Hochhaus“ haben wir noch nicht kennen gelernt. Es sind erwachsene Kinder der Besitzerin, die nur selten in Sucre sind. Nun wohnen hier vier Familien, die kurzzeitigen drei weiteren nicht eingerechnet. Wir sind die zahlreichste und verbal bestimmt auch lauteste, obwohl wir auf dem Schiff schon sehr viel Rücksicht trainiert haben. Dafür teilen wir keine Radioschlager mit dem ganzen Quartier. Unser Lebensstil unterscheidet sich deutlich von dem der übrigen Bewohner, auch wenn wir für Schweizer Verhältnisse sehr einfach wohnen.

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Unser Gepäck und unsere Campingausrüstung sind unsere ersten Einrichtungsgegenstände. Nach ein paar Tagen schaffen wir uns die ersten Dinge an. Vier Matrazen, ein Kajütenbett, drei Tische und ein paar Stühle, eine Bank und zwei Tischchen als Küchenkombination, auf der auch der kleine Gaskocher Platz findet, Plastikbecken zum Geschirr- und Kleiderwaschen sind das Dringendste. Bald kommen als Seelennahrung die ersten Topfpflanzen dazu.

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An einem der ersten Tage hier kämpfe ich während Stunden mit der staubigen Reisewäsche, wobei mir die Kinder tüchtig helfen. Irgendwann ist der Berg bewältigt, nach mühsamem Schrubben im kalten Wasser, mehrfachem Spülen und immer wieder Wasser-Tragen hängt alles an der Leine, wo die Höhensonne ihre Arbeit dann schnell erledigt. Selbst unserer Vermieterin scheint die Mühe gross, und so sorgt sie dafür, dass in den nächsten Tagen auf der modernen Terrasse ein zweiter Waschtrog gebaut wird, wo wir von nun an Waschen können. Das bedeutet, dass wir nun wenigstens vor dem Küchenraum draussen eine Wasserleitung haben, was uns vor allem die Küchenarbeit ein wenig erleichtert. Für die übrigen Bewohnerinnen ist es normal, Wasser in die Küche zu tragen und die Teller und Töpfe ohne fliessendes Wasser zu spülen.

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Gleich an den ersten Tagen machen wir uns auf, um das Wichtigste in Angriff zu nehmen: eine Aufenthaltsbewilligung zu beantragen und die Kinder in Schulen, Kindergarten und Sprach-
kurse einzuschreiben. Während uns die Papiere nach wie vor täglich mehrere Stunden auf Trab halten, sind die Kinder bald schon richtige bolivianische Schüler. Laila hat den Sprung in den ehemaligen Kindergarten von Manuel und Rafael (1998 – 2000) zuerst gewagt, kämpft inzwischen aber stark mit Heimweh und Unsicherheit. Rafael und Benjamin besuchen vormittags eine Privatschule, wo auch einzelne ehemalige Kindergarten“gspönli“ sind, und nachmittags Französichkurse in der Alliance Francaise. Unser ältester Sohn Manuel hat sich mutig für den Besuch einer öffentlichen Schule entschieden. Sie gehört zum alten Franziskanerkloster und gilt als strenge Schule, was allerdings vorderhand Manuels Eindruck nicht bestätigt. Vormittags hat er frei, weil die Unterrichtsräume am Morgen von Primarschülern belegt sind, dafür drückt er die Schulbank mit seinen 45 Klassenkameraden sechs Mal wöchentlich von 14 bis 18 Uhr. Daneben wird er auch noch Französisch- und Englischkurse besuchen müssen – Latein gilt es im Selbststudium zu bewältigen, das gibt es hier nicht einmal an der Uni, bestenfalls vielleicht im Priesterseminar. Nach wenigen Tagen ist er wie die beiden Brüder schon gut in der Klasse integriert, wie gute Beobachter auf dem Foto des Schulfestes entdecken können.

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Nicht nur die Stadt, sondern auch viele kleine Einzelheiten des Lebens hier in Bolivien sind uns noch sehr vertraut. Über Steckdosen, die an einem Draht aus der Wand hängen, Busse, die auf Wunsch an jeder Ecke halten, Verabredungen, die mit viel Verspätung stattfinden, oder immer wieder Vertröstungen auf den nächsten Tag, brauchen wir uns nicht erst noch zu wundern. Die vielen Erfahrungen aus den früheren Jahren hier helfen uns, das Leben zu verstehen. Und doch ist immer noch so viel Anpassungsfähigkeit gefragt, dass wir manchmal hart an unsere Grenzen stossen. Nachdem wir gestern in der Hoffnung, endlich die entscheidenden Unterschriften unter das Gesuch für die Aufenthaltsbewilligung setzen zu können, zu sechst mehr als drei Stunden auf der Ausländerbehörde waren, müssen wir nun mit all unseren Bescheinigungen darauf warten, dass sich der Beamte einen Nachschub an Formularen aus La Paz schicken lässt, weil er nicht bemerkt hatte, dass die Formulare zu Ende gehen, und dann wieder kommen. Das mag ja noch gehen, das gehört alles dazu. Aber die Pechsträne, die sich nahtlos durch die letzten zehn Tage zog, zehrt schon an unseren Kräften. Jeden Tag kam ein Missgeschick dazu: Über Flöhe, einen Blechschaden, zwei Mal einen gestohlenen Rucksack, eine Magen-Darm-Grippe, die Laila und mich trifft, Schwierigkeiten, sich wegen zum Teil ausfälligen Demonstrationen in der Stadt zu bewegen, zieht sich das Pech hin bis zum Schreck, dass Manuel auf dem Weg in seinen Französischkurs zuvorderst in einen motorisierten Tränengaseinsatz gerät, aus dem er sich Gott sei Dank mit Hilfe eines wildfremden Mannes, dem er nachrennt, in ein Haus retten kann. Dort werden ihm Essig und nasse Lappen gereicht, damit er wieder atmen kann. Erschöpft und mit schmerzendem Kopf kommt er mit einem Bus dann doch noch heil nach Hause.

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