Über Nacht steht alles still

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jeep_quer.jpg Vorgestern war das für uns ein Lichtblick, was an anderen Tagen die Nerven rauben kann: „Paro cívico“ – Generalstreik. Die ganze Stadt steht still. Die Kreuzungen sind mit Lastwagen oder Autos blockiert, nichts fährt. Ämter, Schulen, Geschäfte sind geschlossen und auf den Strassen wird Fussball gespielt. Uns sollte es recht sein: Am Vorabend war Elisabeths definitive Vereidigung, ein feierlicher Akt, zu dem wir die Dienstmädchen der Gewerkschaft eingeladen hatten und in dessen Anschluss im Gewerkschaftssaal getanzt und gefeiert wurde. Benjamin hatte an der Feier vor all dem hochedlen Publikum wunderbar Geige gespielt. Bis dahin hatte noch kein Mensch eine Ahnung vom bevorstehenden Generalstreik. So etwas kann erstaunlicherweise über Nacht organisiert werden und klappt dann tatsächlich. Ein schulfreier Tag aus heiterem Himmel kam jedenfalls mehr als gelegen.

platz_leer.jpg Die Ursache dafür, dass die ganze Stadt lahm lag, ist offiziell ein Angriff auf die Demokratie, weil am Vorabend des Streiks die Diskussion um den Regierungssitz offenbar undemokratisch von der Traktandenliste der verfassungsgebenden Versammlung gestrichen wurde. Der tiefere Grund scheint uns aber in einfachen Lokalinteressen zu liegen und politisch unreif. Es geht darum, dass Sucre im Zusammenhang mit der verfassungsgebenden Versammlung heute wieder Anspruch auf den vor gut hundert Jahren verlorenen Sitz der legislativen und exekutiven Gewalt erhebt. Nur der oberste Gerichtshof ist noch hier. Jetzt will man die Gunst der Stunde nutzen, um endlich wieder richtige Hauptstadt Boliviens zu werden. „Sucre Capital plena“ heisst der Slogan. Die ganze Stadt ist sich darüber einig, weil es hier darum gehen soll, sich ein Stück vom Kuchen abzuschneiden. Überall hängen Fahnen in den Sucre-Farben weiss und rot, alles läuft in solchen T-shirts herum, Plakate kleben auf den meisten Autos. Wer am Sinn dieser Bewegung zweifelt, ist ein schwarzes Schaf. Bei der Feier zum Nationalfeiertag, dem 6. August, wurde in Manuels Schule die Tanzgruppe der Klasse ausgepfiffen, die das Departement von La Paz zu repräsentieren hatte. Das fand sogar Laila kindisch...

frau_auf_platz.jpg Obwohl die längst fällige und immer wieder verschobene Sitzung mit der Gewerkschaftsleitung und dem Frauenhaus wegen des Streiks ausfiel, kam auch mir der „Paro“ diesmal nur zu recht, da ich gerade wieder einmal in Arbeit ersticke. So konnte ich mich endlich hinter die schon lange fälligen Berichte setzen. Anders mag es für die sein, die dringend irgendwohin müssen. Ich erinnere mich gut an unseren Nervenkitzel vor bald elf Jahren: Zu jener Zeit gab es in Cochabamba ständig wieder „Paros cívicos“, und wir fürchteten sehr, dass die Hebamme für die Geburt unseres dritten Kindes nicht zu uns durchkäme. Gott sei dank kam damals der „Paro“ erst ein paar Tage später.

benjamin_und_laila.jpg Und es kam noch besser. Auch gestern fiel vormittags die Schule aus, weil die ganze Stadt an die Kundgebung für den Regierungssitz sollte. Etwa 5000 Menschen sollen auf der „Plaza“ demonstriert haben. (Mir schienen es weniger...) Benjamin jubelte. Für ihn liegt ohnehin ein grosser Vorteil der bolivianischen Schule gegenüber der schweizerischen darin, dass hier der Unterricht immer mal wieder wegen Demonstrationen oder Ähnlichem gestrichen wird. So gibt es unverhofft wieder mehr Zeit zum Spielen. Von der geschlossenen Schule ist er in drei Minuten wieder zu Hause, weil wir seit einem Monat ganz zentral gelegen wohnen, nur zwei Häuserblocks von seiner und Rafaels Schule entfernt.

 


laila_mit_puppengeschirr.jpg Auch Laila ist froh um die vier kindergartenfreien Tage, die so mit dem Wochenende entstanden. Sie hat sich inzwischen zwar im Kindergarten einigermassen eingelebt und spricht auch schon ganz verständlich Spanisch. Aber sie bleibt doch noch entschieden lieber zu Hause. Besonders gern spielt sie mit den „Alasitas“-Sachen, Miniaturen von allem Möglichen, die hier im Juli und August verkauft werden und dem Käufer zum Erreichen seiner Wünsche verhelfen sollen. Ein regelrechtes Puppenstuben-Paradies.

wohnzimmer.jpg Glücklicherweise haben wir nach wenigen Wochen am provisorischen Wohnort ein Haus gefunden, das direkt am Rand der Altstadt gelegen und kaum teurer ist, als es die Räume vorher waren. Hier sind wir die einzigen Mieter und können unser Familienleben so gestalten, wie es uns entspricht, ohne immer Rücksicht auf die Mitmieter nehmen zu müssen. Unsere aktuellen Vermieter sind finanziell mindestens ebenbürtig zu uns gestellt, wohnen im Nachbarhaus und sind mit sich selbst beschäftigt. Das gibt uns den nach langer Reise und Anfangszeit doch sehr dringenden familiären Freiraum. Am neuen Ort haben wir auch mehr Komfort: Grosse Zimmer – obwohl uns ein Garten viel lieber wäre – eine richtige Küche, ein Badezimmer und zusätzlich ein Klo. Hier haben wir uns auch den Luxus eines Kochherds mit Backofen angeschafft, indem ich vor allem Vollkornbrot backe, weil das Brot hier nicht nur weiss ist, sondern vor allem einen sehr hohen Bromatgehalt hat. Schadstoffärmere Ernährung ist Luxussache – unsere Mitarbeiterin Elisabeth träumt schon lange von einem Backofen...

kueche.jpg Die grösste Erleichterung ist jedoch eine Waschmaschine, die vielbeschäftigt ist, wäscht sie doch nicht nur unsere, sondern auch die Wäsche von Elisabeths Familie. Seitdem wir schliesslich sogar einen Fernseher mit DVD-Player und einen festen Telefonanschluss und damit auch Internet haben, sind wir auch technisch richtig eingerichtet. Dringender noch war aber die familienfreundlichere Gestaltung des Hinterhöfchens mit Schaukel und Sandkasten. Nun lässt es sich für alle gut leben. Dass die Buben obendrein in der Schule alle gut klar kommen und zum Teil bereits schon wieder Bestnoten nach Hause bringen, freut uns Eltern natürlich auch sehr.

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