Reiseroute

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Wenn es auf die Maschinen unseres Schiffes ankäme, würden wir auf unserem Weg nach Südamerika immer noch fahrplanmässig vorankommen. Aber es gibt viele weitere Faktoren, die das Tempo der Reise bestimmen, darunter auch die Hafenkapazitäten. So liegen wir nun schon den dritten Tag vor Anker, weil der Hafen von Casablanca nur drei Anlegestellen für Schiffe von der Grösse der Grande Brasile hat und Passagierschiffe gegenüber Frachtern immer den Vortritt bekommen. In unserer Umgebung liegen viele weitere Frachter vor Anker. Geduld ist also gefragt, irgendwann kommen wir schon in den Hafen hinein, morgen vielleicht, "Inschallah".

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Die Tage verstreichen gleichmässig und der Zeitpunkt der Weiterfahrt kümmert uns eigentlich wenig, wir haben ja ohnehin keinen Einfluss darauf. Das leben an Bord nimmt seinen gewohnten Lauf, nur Kapitän und Steuermänner haben es deutlich ruhiger als sonst. Die übrige Mannschaft arbeitet wie gewohnt, trotzdem wird die Stimmung nach zwei unnützen Tagen etwas gereizt. An Bord eines Frachtschiffs fallen pausenlos Arbeiten an, seien es Reparaturen oder kleine Umbauten, das Einbauen der neuen Waschmaschinen, ständiges Putzen und Streichen, um dem Rost keine Chance zu geben, die Arbeiten in der Küche natürlich und vor allem die Überwachung der ganzen Motoren und Maschinenanlagen. Etwas unangenehm ist, dass nun die Deckschleifarbeiten direkt über dem Aufenthaltsraum gemacht werden, der dadurch vom Lärm her unbenützbar wird...

Den europäischen Abschnitt der Fahrt haben wir also schon hinter uns. Auf die afrikanischen Häfen sind wir gespannt, wenn uns auch etwas Angst gemacht wurde, was die Sicherheit unserer Autos im Bug angeht: Wir müssten sie unbedingt ständig überwachen, sagt uns der Chief Officer. Natürlich möchten wir an Land gehen, um wenigstens einen kleinen Eindruck der Hafenstädte zu erhalten, die wir anlaufen, und ausserdem ist es uns unvorstellbar, Tag und Nacht Wache bei den Autos unten zu schieben, wie er uns drängt, damit die Scheiben nicht nachher eingeschlagen seien. Das Schiff könne die Verantwortung nicht übernehmen, er habe nicht genug Matrosen, um ständig einen in die Nähe unserer Autos zu stellen, und schon in schon in Le Havre haben seine Leute fremde Hafenarbeiter beim Wühlen im Mitsubishi ertappt, wobei allerdings nichts weggekommen war. Wertsachen sind ja keine drin.

 

MULTIPURPOSE CONTAINER RORO SERVICE SCHEDULE
NORTH EUROPE/SOUTH AMERICA
Grande Brasile GBR0207
Hamburg (Germany) 11/Apr 11/Apr
Tilbury (England) 13/Apr 14/Apr
Antwerp (Belgium) 15/Apr 18/Apr
LeHavre (France) 19/Apr 20/Apr
Bilbao (Spain) 21/Apr 23/Apr
Casablanca (Morocco) 25/Apr 26/Apr
Dakar (Senegal) 29/Apr 30/Apr
Banjul (The Gambia)
Conakry (Guinea)
Freetown (Sierra Leone)
Viktoria (Brazil) 10/May 10/May
Rio de Janeiro (Brazil) 11/May 12/May
Santos (Brazil) 13/May 13/May
Zarate (Brazil) 16/May 17/May
Buenos Aires (Argentina) 17/May 18/May
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Aus der Tabelle ist leicht ersichtlich, dass wir noch einiges vor uns haben, bevor wir in der zweiten Maihälfte in Argentinien ankommen werden. Unser Zuhause ist inzwischen die kleine Welt des grossen Schiffs, umgeben von Meer. Ob es sich um den schmalen Ärmelkanal oder den weiten Atlantik handelt, ist dabei eine eher theoretische Frage: Land ist unterwegs nie in Sicht, bis wir uns dem nächsten Hafen nähern. Unterschiedlich ist das Meer jedoch, was seine Stimmung angeht. Zur Zeit schaukeln uns beachtliche Wellen, dafür aber versorgt uns der Wind mit sauberer Luft. Der Wechsel der Farben ist immer wieder eindrücklich, wie auch der des Wetters. Einmal berührt uns die einsame Verlorenheit im dicken Nebel, bis uns schliesslich wieder die unbeschreibliche Weite anderer Dimensionen bewusst werden lässt.

Heute waren wir im Maschinenraum und haben erfahren, dass Schiffe sehr weit fahren: Aus den gegebenen Daten habe ich folgendes berechnet: Der Motor der Grande Brasile läuft jetzt schon seit 41'499 Stunden, das heisst seit etwa 4,78 Jahren. Bei einem Durchschnittstempo von 17 Knoten (1 Knoten = 1 Seemeile/h = 1,852 km) entspricht das rund 1,32 Millionen Kilometern, also mehr als 33 Erdumrundungen! Spätestens wird ein Schiff zur Ruhe gesetzt, wenn es 200'000 Stunden auf dem Buckel hat. Dann wäre die Grande Brasile ca. 22 Jahre alt und hätte rund 6,29 Millionen Kilometer gefahren (mehr als 157 Erdumrundungen).
Rafael
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