Ich bin jetzt einen Monat in Sucre und werde hier meinen zweiten Bericht schreiben. Weiterhin geht es mir selbst sehr gut und ich bin glücklich. Die ersten Wochen nach der Ankunft, verbrachte ich vor allem mit der Suche nach geeigneten Maurern, um die Gebäude zu renovieren. Nebenbei lernte ich einige der Dienstmädchen kennen, was für alle Beteiligten sicherlich eine Horizonterweiterung darstellt.

Ich brauchte eigentlich keine Zeit um mich hier einzuleben, trotzdem begegne ich immer wieder riesigen Unterschieden zu meiner Schweizer Heimat. So kam zum Beispiel der Onkel von Elizabeth, der Juristin und Leiterin der Anlaufstelle, vom Land in die Stadt um seine monatliche Alters-Rente von 25 Fr. anzufordern; Nach einer Woche täglichem Schlange stehen vor verschiedensten Büros, musste er enttäuscht und ohne einen Rappen Rente, dafür mit dem Verlust durch die Reisekosten, aufs Land zurückkehren. Elizabeths Schwester übernachtete in einer Nacht mit Regen auf der Strasse, um sich für die Uni einzuschreiben, was ihr bis heute aber auch noch nicht vollständig gelungen ist.

Die letzten zwei Wochen war das ganze Land im Fasnachtsfieber, auf der Avenida Las Americas lieferte sich die halbe Bevölkerung Sucres täglich mit der Polizei ein Katz-und-Maus-Spiel um öffentliche Wasserschlachten. Auf allen Strasse wurde ausnahmslos jeder unter dreissig angegriffen, sei es mit Wasserpistolen, mit Wasser gefüllten Ballons oder sogar mit vollen Eimern und Kanistern. Die Strassen waren vom Nachmittag an von „Guggen“ und tanzenden Mitläufern in Anspruch genommen, was natürlich wiederum zu vielen Staus führte. Und das alles war VOR Beginn des eigentlichen Carnavals.

Dieser war letzte Woche, während ich mit Elizabeth und Freddy, dem Mann der Anwältin, bei ihren Familien in Monteagudo weilte. Die Region von Monteagudo ist fruchtbar und liegt im südöstlichen Tiefland Boliviens. Dort finden in der Fasnachtswoche die Brandmarkungen der Kühe statt. Da dies ein riesiger Aufwand ist, werden alle Verwandten und Bekannten zur Hilfe gebeten, welche dann dafür mit einem Fest belohnt werden.

Verwandte Wahl in der Gewerkschaft

Da die Kühe frei in den Wäldern umherstreifen, müssen sie als erstes einmal gefunden und eingefangen werden. Der grösste Aufwand der ganzen Brandmarkungen stellt dabei das Finden dar. Zusammen mit Freddy Garcia durchstreifte auch ich stundenlang die Wälder auf der Suche nach den fehlenden Kühen, und das bei einer Tropenhitze auf Pfaden, die man schwerlich als Pfade beschreiben oder im schlimmsten Fall gar erkennen kann.

Danach werden die Kühe mit dem Lasso eingefangen, geimpft, gebrandmarkt und mit Alkohol, Konfetti, Ballons, Betarden-Klang und grosser Hingabe gesegnet. Die Anwesenden werden mit einem leckerem Essen und viel Alkohol verwöhnt. Das Fest von Elis Vater wurde kurz durch den Besuch einer anderthalb Meter langen, regenbogenfarbenen Giftschlange unterbrochen, welche daraufhin geköpft “mitfeierte”. Auf dem darauffolgenden Fest von Freddys Familie versuchte man mir eine Kuh zu schenken, eine Ehre, die mich zutiefst rührte, aber eine Verantwortung die ich auf Grund meiner baldigen Abreise und meiner ungewissen Rückkehr mir nicht zu übernehmen erlaubte.

Verwandte Wahl in der Gewerkschaft

Freddys Bruder, Don Isaac, erstaunte mich immer wieder aufs Neue. Er opferte der Pachamama mit einer Hingabe, die ich zuvor noch bei niemandem gesehen habe, während er dabei im Gebet immer wieder betonte, dass er ein sehr gläubiger Katholik ist. Er hat sich ein 4x4-Fahrzeug gekauft, welches er aber nie benutzt, denn er kann weder fahren, noch interessiert er sich dafür es zu lernen. Am meisten war ich aber überrascht, als ich erfuhr, dass der kleine Junge, der es sehr genoss mit dem Wasser zu spielen und auf die Zäune zu klettern, nicht sein Sohn, sondern das Waisenkind des Jugendlichen ist, welcher Don Isaacs Vater kurz vor seinem Tod - er starb 2 Wochen darauf an Trauer - bis auf den letzten Rappen ausgeraubt hatte. Vom Rest der Familie verachtet, fand jener Vater des kleinen Jungen, dessen Mutter bei der Geburt gestorben war, ein paar Jahre später durch eine Schlange den Tod. Don Isaac, argumentierend dass der Junge nichts für die Übeltaten seines Vaters könne, nahm ihn auf und zieht in auf seinem Hof wie einen Sohn auf.

Gestern Abend bin ich dann mit vielen schönen Erinnerungen die vielen Stunden zurück in die Berge nach Sucre gefahren. Und mit einer sehr starken Magenverstimmung, begleitet von pausenlosem Erbrechen und Durchfall, welche aber nicht mich, sondern Freddy befallen hatte, was zur Folge hat, das er seit vorgestern Abend nichts mehr essen konnte und auch tagsüber meist schlief, weshalb er auch das Lenken des Fahrzeugs mir überliess. In der Hoffnung auf seine baldige Genesung, schliesse ich hiermit diesen Bericht ab.