Projekt Anlaufstelle

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Kürzlich sahen wir ein zu vermietendes Haus an. Beim Rundgang bemängelte ich die Qualität des Waschtrogs. Er war alt, und statt zum Abfluss hin Gefälle zu haben, war der Trogboden nach oben gewölbt, so dass niemals alles Wasser ablaufen konnte. Ausserdem war der Beton rau und spröde geworden. "Waschen Sie etwa selbst, Señora?", fragte mich die Vermieterin ungläubig. "Ja", erwiderte ich trotzig, obwohl ich mich gleichzeitig fragte, wie lange ich das wohl noch schaffen könnte und ob wir nicht doch eine Waschmaschine anschaffen sollten. Zwar wäscht Manuel seine Wäsche selbständig, und auch Benjamin und Rafael wenigstens ihre Fussballkleider, aber das Waschen nimmt im Rahmen der Hausarbeiten doch immer noch einen wichtigen Platz ein. Dass das natürlich nicht nur bei uns so ist, sondern für alle Hausfrauen ein zentrales Thema, war mir klar bewusst, als ich die Bemerkung zum Waschtrog machte. Die Antwort der Frau stellte andererseits die soziale Bedeutung des Themas gleich klar: Wer darüber nachdenken kann, ein Haus für 200 US $ zu mieten, wäscht seine Wäsche nicht selbst. Der, oder besser die hat ein Dienstmädchen, das die Wäsche und den ganzen Haushalt besorgt. Und da spielt es ja wirklich keine Rolle mehr, von welcher Qualität der Waschtrog ist. Mühe und Ärger der Magd sind im schäbigen Lohn inbegriffen.

Das Schicksal der Hausangestellten in Bolivien betrifft uns überall im Alltag und längst nicht nur im Rahmen unseres Projektes einer Anlaufstelle. Wer offene Augen und Ohren hat, stösst an allen Ecken auf die ganz normale Ausbeutung dieses Bevölkerungssegments. Und doch haben wir den Eindruck, dass sich noch sehr wenig zu Gunsten der Dienstmädchen bewegt hat. Wenn wir erwähnen, dass wir für Hausangestellte arbeiten, ernten wir skeptische Blicke. Das Gesetz, das für Dienstmädchen einen geregelten Arbeitsvertrag vorschreibt, scheint kaum existent.

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Gleich am Tag nach unserer Ankunft in Sucre haben wir die Vorsitzende der Hausarbeiterinnen-Gewerkschaft aufgesucht. Natürlich war sie erfreut über unsere Ankunft, aber wie tief der Wunsch nach Zusammenarbeit wirklich ist, sei erst mal dahingestellt. Bei unserer Teilnahme an Gewerkschafts-Versammlungen und -Aktivitäten spürten wir immer sehr viel Skepsis und Zurückhaltung. Selbst die Kinder, sonst leicht Bindeglied, wurden auf Distanz gehalten.

Auf die Initiative einer Gewerkschaftlerin hin, bot ich bei einer Versammlung spontan an, gemeinsam mit Elizabeth zu San Juan, dem Fest der Wintersonnwende, Kuchen und Zöpfe zu backen. Das Angebot wurde angenommen, vorausgesetzt, dass wir die Zutaten finanzierten, und so haben Eli und ich uns am vergangenen Samstag im Gewerkschaftsraum nützlich gemacht. Von den Frauen, die versprachen mitzuhelfen, kam schliesslich keine, erst zum Essen waren sie plötzlich sehr zahlreich da. Aber vorher kämpfte ich mit den erschwerten Umständen - ich war auch noch krank und gerade wankend aus dem Bett gestiegen. Wir hatten alles mitgebracht: Zutaten, Teigschlüsseln, Besteck, Töpfe, einen kleinen Gasherd und eine Gasflasche für den Backofen, den die Gewerkschaft hat, auch Becken zum Abwaschen und sogar Lappen und Küchentücher. Dass aber kein Wasser aus dem Hahn im Hof floss, damit hatten wir nicht gerechnet. Eine Gewerkschaftsfrau hatte uns ihren kleinen Mixer ausgeliehen, der aber leider nach einigen Minuten rühren den Geist aufgab. Erst wollte die Trockenhefe, mit der ich leider kaum Erfahrung habe, nicht aufgehen. Dann brach der kleine runde Tisch unter den knetenden Händen beinahe zusammen, wir mussten sehr behutsam vorgehen. Und als dann auch noch eines der Eier, das ich in die Schüssel schlug faul war, war meine Geduld am Ende. "Nur ruhig, Liebe, reg dich doch nicht auf. Das ist doch normal!" Tief durchatmen. Alles ganz normal. Auch der Backofen, der zwar über einen Thermometer verfügt, der aber irgendwelche Angaben macht, nur nicht die echten. Also die Hitze einfach Handgelenk mal Pi einstellen. Schliesslich doch einen aufgegangenen Marmorkuchen herausnehmen, der nur oben ganz leicht dunkel ist. Eigentlich eine Zauberleistung, oder nicht. Und dann die Nerven behalten, wenn eine Studentin aufkreuzt, die hier sehr bequem zu ihrer Diplomarbeit kommt, und anstelle einer Begrüssung die Nase rümpft und abfällig bemerkt: "Frauen, ihr habt ja die Kuchen völlig verbrannt!"

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Immerhin haben die einigermassen gelungenen Kuchen und Zöpfe und die von den Buben am Abend mitgebrachten und an alle verteilten kleinen Feuerwerkskörper die Stimmung doch ein wenig zu unseren Gunsten verändert. Als wir tags darauf den übrigen Zopf an unsere Fussballspielerinnen verteilten, wurden wir schon etwas wärmer empfangen als die Woche davor, als unsere Männer (Leo und Freddy) und Jungen sich vergeblich so darauf gefreut hatten, mitzuspielen. Am Samstag sollen sie nun mittrainieren dürfen, hiess es. Mal sehen, ob das wirklich so ist. Und wie lange unsere Jungs noch die Freundlichkeit haben, mitzukommen, auch wenn sie abblitzen. Dass es nicht leicht würde, eine Anlaufstelle für Dienstmädchen aufzubauen, war uns natürlich bewusst. Auf wie viel Zurückhaltung wir aber stossen würden, etwas weniger. Das scheint, so sehen es jedenfalls auch andere Ausländer, eine Auswirkung der aktuellen Politik zu sein. Wir werden sehr viel Geduld haben müssen. Die Schwierigkeiten für den Anfang sind sehr vielfältig: Einerseits werden wir als "Gringos" (Ausländer, eigentlich US-Soldaten = "green-go!"), aber nicht nur wir, sehr skeptisch aufgenommen.

Andererseits sind die Gewerkschaftsstrukturen an sich schwerfällig und in dieser jungen Gruppe vollkommen chaotisch. An etwas anderem als an der Gewerkschaft an und für sich zu arbeiten, kann man sich in diesem Rahmen sehr schwer vorstellen. Dabei geht es uns doch um die Not all der vielen Tausend Dienstmädchen und nicht einfach um die rund zwanzig Gewerkschaftsaktivistinnen. familien_gruppenfoto.jpg Zweitens steht es um die Akzeptanz unserer geplanten Mitarbeiterin kritisch. Elizabeth hat selbst neun Jahre als Dienstmädchen gearbeitet und sich dadurch die weiterführenden Schulen und das Studium ermöglicht. Seit Jahren hat sie mit mir an der Bearbeitung des Themas der Dienstmädchen hier mitgewirkt. Nun hat sie vor ein paar Monaten die Anwalts-Abschlussprüfungen bestanden und gleich in unserer ersten Woche hier ihren zweiten und vorletzten Schwur auf die Verfassung abgelegt. Damit wäre sie nun bereit, an der Anlaufstelle als Juristin mitzuarbeiten. Aber die Gewerkschafterinnen sehen sie schief an. Es scheint, sie fürchten von unserer Seite "Vetterli-Wirtschaft". Gleich zur Begrüssung sagen sie, sie hätten nun doch auch schon eine Anwältin als Beraterin unter Vertrag und Eli tauche ja nur auf, wenn ich in Sucre sei. Dabei wollte Eli in den vergangenen Monaten immer wieder bei der Gewerkschaft vorsprechen, erhielt aber die Adresse von der zuständigen Person des Frauenhauses, die sie mehrfach darum bat, nicht. Sie solle warten, bis wir in Bolivien seien. Und die andere Anwältin ist erst einen Monat unter Vertrag. Lasst uns aus der Not eine Tugend machen, denke ich. Zwei Anwältinnen sind besser als eine. Die andere, Lilian, trägt den Kopf hoch über die Gewerkschafterinnen erhaben. Sie hat selbst bis nach dem Studium nie arbeiten müssen. Und dass wir unsere vier Kinder selbst erziehen und auch noch den Haushalt machen, kann sie schwer nachvollziehen. Dafür hat sie ein wenig Erfahrung mit dem Arbeitsrecht. Aber sie steht der Gewerkschaft nur teilweise als Beraterin zur Verfügung.
Daneben gibt es noch eine weitere Schwierigkeit: Die Gewerkschaft hat zur Zeit einen Versammlungsraum, der nicht nur etwas ungeeignet, sondern vor allem weit vom Zentrum entfernt ist. Das bedeutet, dass die Frauen nach den Versammlungen, die ja immer abends stattfinden, zum Teil über eine Stunde zu Fuss heimgehen müssen. Busse fahren nach acht Uhr abends nur noch aus dem Zentrum an einige Stadtränder. Nächtlichen Wanderungen sind für Frauen allein aber auch recht gefährlich. Wir haben spontan begonnen, wenigstens die Frauen mit den längsten Wegen nachts heimzufahren. Unser kleiner Bus ist dazu natürlich bestens geeignet. Auch mit nur sechs Sitzen bietet er hier problemlos einem guten Dutzend Frauen Platz. Als ich vor anderthalb Jahren in Sucre war, hatte die Gewerkschaft gerade über etliche Monate gar keinen Raum. Die Anticrético*-Jahresverträge werden immer wieder gekündigt. Das bedeutet endlose Wanderschaft und dazwischen immer wieder Heimatlosigkeit für die Gewerkschaft. An kontinuierliche Aufbauarbeit ist auf diese Weise nicht zu denken. Stellt sich die Frage, was wir in dieser Situation wollen, und was sich überhaupt machen lässt. Und diese Frage raubt uns schon mal den Schlaf.

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Einfach für ein Jahr in dieser Gewerkschaft mitzuwursteln, auch wenn wir daran glauben, das Vertrauen noch erwirken zu können, erscheint uns nicht nachhaltig und vor allem auch keine Lösung für das dringende Dienstmädchen-Problem. Andererseits wollen und können wir die Gewerkschaft nicht links liegen lassen. Auch nach allem Abwägen glauben wir fest daran, dass Elizabeth die richtige Frau für die Anlaufstelle ist. Sie ist motiviert, kennt die Problematik und wäre auch bereit, mit ihrer Familie vor Ort zu wohnen, so dass anstatt einem nur gelegentlich besuchten Gewerkschaftsraum eine Anlaufstelle entstehen könnte, die gemütsmässig ein Zuhause bietet. Ihr Mann, Freddy, unterstützt die Sache und ist als Mini-Taxiunternehmer für flexible Hilfe immer bereit. Wir denken, dass wir ein Grundstück für die Anlaufstelle kaufen müssen. Und zwar ein möglichst zentrales. eli_und_maria.jpg Die Gebäude darauf können einfach sein, aber die Lage muss verkehrstechnisch brauchbar sein, damit die Frauen sicher nach Hause kommen und die Anlaufstelle überhaupt auch bekannt werden kann. Was an der Peripherie der Stadt stattfindet, weiss hier kein Mensch. Und die Stadtränder sind zwar billig, aber auch gefährlich. Auf dem Grundstück stellen wir uns zwei "Mieterparteien" vor, denen die Anlaufstelle einen langjährigen Anticrético-Vertrag anbieten könnte: einerseits in einem Versammlungsraum die Gewerkschaft, andererseits in einer kleinen Wohnung die Familie von Elizabeth. Eigentlich hatten wir geplant und budgetiert, den Kapitalbetrag der Gewerkschaft aufzustocken, und dadurch einen besseren Raum zu finden. Nun mussten wir aber feststellen, dass es selbst für die so zusammengelegten gut achttausend US $ keinen einigermassen zentral gelegenen Raum geben wird. Und noch wenn es ihn gäbe, würde er wahrscheinlich nach einem Jahr wieder gekündigt und dadurch keine Aufbauarbeit möglich. Langfristig von der Schweiz aus eine Miete zu bezahlen, ist unrealistisch und teuer. Bleibt also nur noch der Kauf. Der würde unseres Erachtens Sinn machen, auch als zukunftsträchtige Investition hier. Die Preise in der Stadt steigen. Und das dürfte auch so weitergehen. Aber dafür brauchen wir wesentlich mehr Geld als budgetiert. Die Frage ist nun vor allem, wie und wo wir das finanzieren können. Je besser die Lage, um so höher der Preis. An die zentrale Altstadt ist gar nicht zu denken, da erreichen die Bodenpreise bald Reigoldswiler Niveau. Aber vielleicht an eines der Zwischengebiete, die dem Zentrum nahe liegen und doch noch nicht vollständig urbanisiert sind. Wir sind am Suchen, Denken und Rechnen. Und hoffen wie schon damals, als wir unsere Reise buchten, auch wieder auf einen für die Dienstmädchen in Sucre glücklichen Stern.

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* "Anticrético" bedeutet, dass die Mieter anstelle einer monatlichen Miete ihr Kapital zinslos zur Verfügung stellen. Das ist ein hier üblicher Vertrag.

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