Neue Schritte

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Grundstück mit Palme Endlich sitze ich wieder mal am Computer und mache mich an einen neuen Bericht für euch. Lang ist es her seit den letzten News, und noch mehr hat sich ereignet. Um das Wichtigste gleich vorwegzunehmen: Wir haben das Grundstück, von dem ich im letzten Bericht schrieb, gekauft! Wie die Finanzierung auf längere Zeit hinaus zustande kommt, ist zwar noch völlig offen. Wir hoffen natürlich, dass die Kosten irgendwann über Spenden und Stiftungsbeiträge oder ähnliches zusammenkommen, aber vorderhand haben wir als Ehepaar Moser das Grundstück mit unserem Ersparten und dank spontaner Spenden und Darlehen unserer Eltern privat gekauft. So ist es auch sicher vor allfälligen Enteignungsversuchen und kann der Anlaufstelle für Dienstmädchen bald schon ein Zuhause bieten.

Häuschen Während unsere juristische Mitarbeiterin Elizabeth nun seit drei Wochen täglich von Amt zu Amt läuft, um endlich einen Grundbucheintrag auf unsere Namen zu erreichen, sind wir damit beschäftigt, die dringendsten Umgestaltungen auf dem Grundstück vorzunehmen. Was irgend geht, versuchen wir zu erhalten, so zum Beispiel die gemauerten Bogen, die vermutlich einmal ein Aquädukt waren, und den einzigen grossen Baum auf dem Grundstück, den "Molle", der von verschiedenen Kletterpflanzen beinahe erstickt wurde.

Garten mit Aquädukt Leo am graben Mit Hilfe eines armen älteren Mannes haben wir einen grossen Teil des Bodens umgegraben und Rasen angesät, dessen Bewässerung uns nun auf Trab hält, denn als wäre es verhext, hat es seit der Aussaat keinen Tropfen mehr geregnet.

Leo kümmert sich um den alten Ziehbrunnen, den es zu putzen und vernünftig abzudecken gilt, um verstopfte Wasserleitungen, die wankelmütige Stromversorgung und um die Renovation des kleinen Raumes, der bereits auf dem Grundstück steht. Nebst dem Planen gilt es dabei, dem Maurer die nötigen Baumaterialien bereitzustellen und auf die Finger zu sehen. Freddy, Elizabeths Mann, hilft Leo dabei immer wieder.

Stadtplan Unser Grundstück ist unglaublich zentral gelegen. Nur fünf Häuserblocks trennen es vom zentralen Markt, von dem aus die öffentlichen Busse in alle Richtungen fahren. Das ist auf diesem Plan der Altstadt und ihrer nächsten Umgebung leicht ersichtlich. Lediglich zwei Strassen weiter ist man schon mitten im historischen Stadtkern. Die eine Seite unseres ummauerten Hofes grenzt an das Altershospiz eines Frauenklosters, die andere an eine alte, leer stehende Bäckerei. Früher war das Grundstück der Garten eines alten grossen Gutes, welches das ganze umliegende Gebiet umfasste. Deshalb auch der Ziehbrunnen dort. Die angrenzende Strasse "Calle Uno" deckt den Abwassertunnel dieser Stadtseite, der vor noch nicht allzu langer Zeit ein offener, stinkender Bach war. Darum ist diese Gegend auch noch nicht durchwegs überbaut – und das ist der Grund, weshalb wir sie von vornherein ins Auge fassten.

Ziegel So nahe am historischen Stadtkern sind die baulichen Auflagen allerdings auch grösser als irgendwo am Stadtrand. Hier müssen alle Gebäude mit Ziegeln gedeckt und weiss verputzt werden, und die Fenster- und Türen müssen aus Holz sein. Schon rein daher ist ein Umbau des bereits bestehenden Häuschens unerlässlich. Wir sind über diese Vorschriften aber nicht unglücklich, denn wir betrachten es auch als unsere Verantwortung, die wunderbare Kolonialstadt erhalten zu helfen.

Wir würden sogar gerne noch viel weiter gehen, als es die Vorschriften vorsehen: Sofern irgend möglich werden wir uns dafür einsetzen, die uralten "Molles" auf dem Nachbargrundstück unter Schutz zu stellen. Sie sind an dieser Lage nicht nur einmalige Mini-ökosysteme und gehören zu den wenigen "Luftfiltern" in der immer stärker von Abgasen erstickten Stadt, sondern sie halten mit ihren Wurzeln auch den Hang zusammen, der sonst in den Brunnen zu rutschen droht. Den alten Brunnen wollen wir aber unter allen Umständen zu erhalten versuchen.

Bäume Was die Bäume angeht, ist es allerdings sehr fraglich, ob die Zeit in Bolivien für ein solches Vorhaben schon reif ist. Hier wird Oekologie in weiten Bereichen noch als Spinnerei betrachtet. So hat mich unser Nachbar auf der dritten Seite auch schon darum gebeten, ihn bei seinem Vorhaben, die Bäume endlich fällen zu lassen, zu unterstützen. Das viele Laub verursache doch unerträglich viel Dreck! Vermutlich wird es allerhöchstens möglich sein, die alten Bäume durch den Kauf des Bodens, auf dem sie stehen, zu retten. Dafür müssten wir jedoch noch einmal sehr viel mehr Geld haben. Und ob das erreichbar wäre, ist mehr als fraglich, klaffen doch allein so schon riesige finanzielle Löcher in unserer Anlaufstelle. Aber versucht werden soll alles. Vielleicht gibt es ja doch irgendwo eine spezifische Unterstützung für gerade ein solches Projekt.

Dachausblick Leo am Tragen Die Bau- und Gartenarbeiten sind die konkretesten unserer Beschäftigungen, und es macht Freude, etwas unter den Händen entstehen zu sehen. Nicht weniger aufwändig sind aber nach wie vor die Planungsarbeit und die Verankerung der Anlaufstelle im lokalen Umfeld. Wir haben vor Ort bereits einen Aufsichtsrat für die Anlaufstelle gegründet. Dieser ist daran, für die Anlaufstelle Statuten und ein Reglement zu verfassen, Papiere, die unter anderem zum Erreichen der juristischen Personalität nötig sind. Er hat nun auch den Namen der Anlaufstelle festgelegt: SINP' ARISPA, was in Quechua "flechtend" bedeutet. Damit beziehen wir uns einerseits konkret auf die traditionelle Haartracht, auf die beiden Zöpfe der meisten Dienstmädchen, sowie im übertragenen Sinn auf die Aufgabe, Kräfte zu vereinen und Dienstmädchen aus ihrer Isolation herauszuholen.

Nach wie vor sind wir auch in der Gewerkschaft der Dienstmädchen präsent und endlich auch aktiv. Vor einer Woche durfte ich in meinen ersten Kurs geben (Verbesserung der zwischenmenschlichen Beziehungen in der Gruppe war gefragt) und feststellen, dass vieles immer noch schwieriger ist, als ich dachte: Zwei Frauen machten einfach nicht richtig mit, obwohl die eine sonst sehr anhänglich ist, und es hat lange gedauert, bis ich den Grund dafür begriff, als ich merkte, dass sie eine deutliche Alkoholfahne hatten...

Daneben bereiten wir die ersten Schritte der Anlaufstelle vor, die im kleinen Häuschen und im Garten auf dem Grundstück beginnen sollen, sobald diese einigermassen benutzbar sind. Dann wollen wir auch gleich die ersten Abendschulen besuchen, um die jungen Frauen, die tagsüber arbeiten und abends zur Schule gehen, über ihre Rechte zu informieren und in die Anlaufstelle einzuladen. Das alles soll schnell gehen, dauert das aktuelle Schuljahr doch nur noch bis Ende November, und das neue beginnt erst wieder im Februar.

Durchblick Sobald der Grundbucheintrag da ist, werden wir uns schliesslich an den Bau eines Gemeinschaftssaals mit mindestens einem Büro machen, der auf der Strassenseite des Grundstücks neben der Eingangstreppe entstehen soll. Dabei gilt es wieder zu rechnen und abzuschätzen, was momentan unbedingt nötig und möglich ist, aber auch, was langfristig wichtig und vielleicht doch auch noch finanziell vertretbar ist. Vorderhand zeichnen wir Skizzen, aber so bald wie möglich möchten wir die Baupläne einreichen. Die Zeit drängt: In neun Monaten sollte die Anlaufstelle schon über eine gewisse Erfahrung verfügen, die es dem lokalen Personal ermöglicht, mit der Arbeit weiterzufahren. Ausserdem soll in der gegenüberliegenden Ecke des verwinkelten Grundstücks raschmöglichst die Wohnung für Elizabeth und ihre Familie als kostengünstiger Lehmziegelbau in traditioneller, ökologischer Art entstehen.

Manchmal scheint uns das alles fast unmöglich. Doch die Hoffnung, dass etwas wirklich Gutes zustande kommen kann, trägt uns über alle Zweifel, Aengste und Aerger hinweg. Und dankbar spüren wir deutlich, dass wir mit der grossen Aufgabe der Anlaufstelle nicht allein sind.

 
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