Marta Martinez

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Doña Marta kam vor ein paar Wochen durch die Vermittlung eines Mitglieds des Aufsichtsrats zu uns. Sie war per Zufall in sein Büro geraten und hatte um irgendeine Arbeit gebeten und das so eindringlich, dass es ihm schliesslich in den Sinn kam, uns in der Anlaufstelle anzurufen.Als Doña Marta die Anlaufstelle Sinp´arispa betrat, hatte sie mit ihrem kleinen Jungen schon mehrere Nächte auf der Strasse verbracht. Sie war sehr erleichtert, wenigstens für einige Tage ein Dach über dem Kopf zu haben. Und dankbar um unsere Zusage, ihr bei der Suche nach Arbeit behilflich zu sein. Dass dies kein leichtes Unterfangen würde, begriffen wir spätestens, als wir bemerkten, dass Doña Marta schwanger war. Mit einem Kleinkind und schwanger eine Stelle zu finden, ist so gut wie unmöglich. Aber versuchen wollten wir es.
Am Sonntag kochte Doña Marta eine Suppe für alle Leute der Anlaufstelle. Immer kocht sonst sonntags jemand von uns, und oft kommen ein oder zwei Dienstmädchen, manchmal auch mehr, und freuen sich, mit uns zu essen. Der kleine Junge Luís Miguel hatte sich inzwischen schon gut eingelebt, freute sich an unseren Kindern und dem kleinen Hündchen, und war fidel. Auch die Mutter machte einen erholten Eindruck. Die Reise vom Dorf in die Stadt und die ersten schwierigen Tage lagen hinter ihr. Allmählich fing sie an zu erzählen:

Ich wurde als kleines Mädchen in die Stadt gegeben, damit ich für Leute arbeitete. Mit meinen acht Jahren wusste ich natürlich noch nicht, wie ich die Dinge machen musste. Und schlimmer noch war, dass ich kein Spanisch verstand. Ich begriff nicht, was die Leute mir sagten, und brachte die falsche Sache aus der Küche. Da rissen sie mich an den Haaren und schleiften mich über den Boden.
Später habe ich etliche Jahre in Santa Cruz gearbeitet. Da habe ich alles gelernt, was man im Haushalt in der Stadt so können muss, aber heute würde ich mich nicht mehr zu kochen trauen. Ich habe vieles vergessen seither. Auch Spanisch habe ich gelernt, nur natürlich nicht Lesen und Schreiben, denn ich bin nie in die Schule gegangen.
Als ich vierzehn war, erfuhr ich, dass meine Mutter schwer krank sei. Ich wusste, dass keines meiner Geschwister mehr zu Hause im Dorf war und machte mir Sorgen um sie. Wer schaut zur Mutter? Bestimmt geht es ihr miserabel neben dem trinkenden Vater. Denn dass mein Vater Alkoholiker war, wussten wir schon lange. Also reiste ich zurück ins Dorf und blieb bei der Mutter.
Einige Zeit hatte ich wieder mit meinen Eltern im Dorf gelebt. Ich brachte die Schafe und Ziegen auf die Weide und half der Mutter. Eines Abends, ich war fünfzehn, kam ich mit den Tieren von der Weide zurück und sah, dass viele Leute im Haus waren. Vater war betrunken und reichte Chicha (= Maisbier) herum. Es schien ein Fest zu sein, die Leute tranken alle. Ich wusste aber nicht, was an diesem Freitagabend so besonderes hätte sein sollen. Da kam der Vater zu mir und sagte, ich würde heiraten. So sei es ausgemacht. Das also war der Grund des Festes.
Ich war entsetzt. Heiraten. Ich wusste noch nicht einmal, was das eigentlich bedeutete. Nein, sagte ich, niemals! Dann verschwinde und komm nie wieder, sagte mein Vater. Wenn du nicht gehorchst, bist du nicht mehr meine Tochter.
Ich verkroch mich in einer Ecke. Lange weinte. Ich dachte nach, wie ich wegkommen konnte. Es war schon dunkel. Dann tat mir aber meine Mutter so furchtbar leid. Wie sollte sie es allein mit dem Säufer aushalten? Wer würde sie versorgen?
Schliesslich kehrte ich mit zugeschnürtem Magen zum Vater zurück und willigte in die Heirat ein. Ich sah einen jungen Mann in der Tür stehen, den ich für den Bräutigam hielt, und dachte, vielleicht ist es gar nicht so schlimm. Aber da wurde ich meinem Mann vorgeführt. Es war nicht der junge Mann. Mein Mann war im Alter meines Vaters, wohl ein Freund von ihm. Und auch schon reichlich betrunken.

Ich habe drei Kinder. Die Älteste ist zehn, der Zweite sechs und der Kleine hier zweieinhalb. Es sind liebe Kinder. Mit meinem Mann habe ich mich in all den Jahren viel gestritten.
Meine Tochter wollte zuerst nicht in die Schule gehen. Sie weinte in der Türe und wollte zurück nach Hause. Aber da habe ich ihr immer wieder erklärt, wie schlimm es ist, wenn man nicht lesen kann. Du willst es doch später einmal besser haben als deine Mutter, nicht wahr? Schliesslich ist sie gerne zur Schule gegangen, hat ihre Aufgaben immer fleissig gemacht und gut gelernt.
Wenn ich doch nur wüsste, wie es ihr heute geht. Bestimmt schickt ihr Vater sie nicht zur Schule. Die Kinder haben sich überhaupt nie gut mit dem Vater vertragen, sind immer an mir gehangen.
Seit er vor Monaten mit den beiden Kindern und meiner Schwiegermutter verschwunden ist, habe ich nichts mehr von ihnen gehört. Wohin mag er nur gegangen sein? Ich muss meine Kinder wieder finden, koste es, was es wolle.
Anzeige habe ich eingereicht, aber das allein hilft nichts. Die Kinder muss ich selbst finden. Deshalb bin ich in die Stadt gekommen. Ich muss etwas Geld verdienen, damit ich die Kinder suchen kann. Wenn ich ein paar Monate arbeite, kann ich vielleicht ein klein wenig zur Seite legen.

Doña Marta fand sage und schreibe am Montag selbst eine Arbeitsstelle, während all unsere Vermittlungsversuche an dem kleinen Jungern scheiterten. Strahlend kam sie am Abend zurück und berichtete, dass sie am nächsten Morgen beginnen könne. In einem kleinen Restaurant an der Avenida, nahe beim Park.
Ich fuhr sie am Morgen mit dem Jungen und dem Bündel hin. Es war nicht leicht, das Restaurant zu finden, obwohl sich Doña Marta erstaunlich gut in der Stadt orientierte. Natürlich sah geschlossen alles ganz anders aus. Und wer nicht lesen kann, findet wenig Anhaltspunkte.
Die Besitzer waren freundlich und wir einigten uns recht schnell. Ich betonte, dass Doña Marta mit dem Jungen wenigstens eine Matraze brauche. Wolldecken könnten wir ihr notfalls auch noch leihen. Gemütlich würde es auf den Fliesen des kahlen Saals trotzdem nicht werden. Und ich bat auch darum, dass sie doch ab und zu frei haben müsse, wenn ich auch verstand, dass wer mit kleinem Kind und schwanger – das hatte zum Glück noch niemand bemerkt – eine Arbeit will, nicht auch noch Ansprüche stellen kann. Doña Marta bedankte sich beim Abschied herzlich. Sie würde uns besuchen, wenn es ging. Ich liess auch den Arbeitgebern eine Karte unserer Anlaufstelle und sagte, sie möchten sich bei allfälligen Problemen gerne melden.
Dass schon über Mittag ein Hilferuf kommen würde, hatte ich nicht gedacht. Die Restaurantbesitzer riefen Elizabeth aufs Handy an. Der kleine Junge Luís Miguel sei verloren gegangen. Sie suchten ihn schon mehr als eine Stunde. Eli rief mich an. Ich bat sie, die Polizei zu alarmieren und setzte mich statt zu Tisch gleich wieder ins Auto. Doña Marta fand ich weinend auf dem Trottoir. Mein Junge, mein Junge, schluchzte sie. In meinem Kopf drehte sich alles. Wie viele Kinder gehen hier verloren und kommen nie mehr zum Vorschein. Anzeigen mit verlorenen Kindern sind an der Tagesordnung. So ein herziger kleiner Junge. Wenn er entführt wurde, um mit seiner Adoption das grosse Geld zu machen? Andere Kinder – ich hatte es allerdings nur von grösseren und aus Cochabamba gehört – waren später tot wieder aufgefunden worden, ohne innere Organe.

Hoffnungslos fuhr ich das Quartier ab und lief durch den ganzen Park, immer und immer wieder nach dem Jungen fragend. Nirgends traf ich einen suchenden Polizisten. Erinnerungen an Momente, in denen wir verzweifelt nach unseren eigenen Kindern gesucht hatte, trieben mich um. Aber nie war es so lange gegangen. Diese Frau wurde unsäglich viel zu hart geprüft.
Ich hatte doch ein Foto von der Mutter mit dem Jungen gemacht, überlegte ich endlich. Ich würde ins Büro fahren, das Bild ausdrucken, überall verteilen oder über das Fernsehen veröffentlichen.
Gegen vier Uhr nachmittags hatte Elizabeth das Kind auf einem Posten gefunden. Sie war mit dem Foto von Amt zu Amt gegangen. Dass man ihr das Kind nicht aushändigte, bis wir mit der Mutter da waren, spielte keine Rolle mehr. Sie hatte den Jungen gesehen, er war es. Die Erleichterung war unendlich.
Abends wiesen die Arbeitgeber Doña Marta ab. Das sei zu viel Verantwortung. Sie solle sich eine andere Stelle suchen, wo keine Türe auf die Strasse hin offen sei.

Also wieder eine Nacht in der Anlaufstelle. Wenigstens hatten wir erreichen können, dass sie sich die Sache noch einmal überlegen würden, falls wir für den Jungen einen Hort fänden, was allerdings ohne Geburtsurkunde und Impfkarte schier unmöglich ist – und Doña Marta hatte nichts dergleichen.
Elizabeth erreichte am folgenden Tag einen Krippenplatz und Doña Marta begann mit der Arbeit. Nicht, dass sie es besonders gut hätte: Sie bekomme nur Suppe, während die andere Angestellte auch die Hauptspeise und Nachtisch erhalte, obwohl sie viel weniger arbeiten müsse. Und sie, Marta, müsse beim Kochen auch noch das Enkelkind der Besitzer auf dem Rücken tragen. Aber das ist es gar nicht.
In zwei Monaten soll das Kind zur Welt kommen. Deshalb muss Doña Marta spätestens in zwei Wochen wenigstens einen eigenen Wohnplatz gefunden haben, wenn das natürlich auch nicht so gesagt wird. Schliesslich wollen die Arbeitgeber Doña Marta nicht auch noch ins Spital bringen müssen. Und womöglich während der Geburt zum Kleinen schauen.
Vielleicht kann Doña Marta bei Doña Margarita, unserer Hilfskraft, zu Hause ein Zimmer bewohnen. Ein Bett können wir ihr leihen, eine Matraze auch. Irgendwie wird sich der Junge bei der Geburt schon betreuen lassen, ausserdem geht er inzwischen gern in den Hort. Das ist es auch nicht.

Das Baby. Ich will es nicht. Ich mag es nicht. Ich will es verschenken. Ich war im Dorf unterwegs, weil mir jemand sagte, ich solle in einem gewissen Haus nachfragen, dort wüssten sie vielleicht etwas über den Aufenthaltsort meiner Kinder. Ich war verzweifelt und folgte dem Rat. Als ich zurück nach Hause ging, war es schon dunkel. Da hat mich einer gepackt, hat mir den Mund zugehalten und mich in eine Ecke gezerrt. Ich habe mich gewehrt, wie ich konnte. Aber er hat mich vergewaltigt.
Ich kann sein Kind nicht lieben.
Und was wird mein Mann sagen, wenn ich ein fremdes Kind bringe?

Ich war heute früh beim Generalvikar des Bischofs. Wir werden gemeinsam in die Wege leiten, dass das Kind zur Adoption gegeben wird, falls Doña Marta sich nach der Geburt tatsächlich dafür entscheidet.

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