Zum Beispiel Maria Rosa

erzählt von Dr. iur. Elizabeth Montero Rosado, Leiterin der Anlaufstelle „Sinp’arispa”,
deutsch aufgeschrieben von Maria Magdalena Moser

Maria Rosa

Maria Rosa kommt aus der Provinz von Monteagudo und ist 17 Jahre alt. Seit kurzem ist sie in der Notschlafstelle von Sinp’arispa untergebracht. Sie ist sehr dankbar für die Unterstützung und vor allem auch für das Verständnis, das ihr vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben entgegengebracht wird. Allmählich ist sie aus ihrem verängstigten Verhalten aufgetaut und hat mir ihre Geschichte erzählt:

Im Alter von sieben Jahren begann Maria Rosa zu arbeiten. Ihre Eltern entschieden sich vermutlich aus Armut und Not dazu, das Kind zu einer fremden Familie aufs Land zu bringen, damit es dort arbeite und selbst für sich aufkäme. Die Herrin liess Maria Rosa nie weggehen. Immer wieder bat das Mädchen darum, seine Eltern besuchen zu dürfen, aber die Herrin wollte es nicht haben. Während rund drei Jahren hütete Maria Rosa das Vieh, half in der Küche und wurde wie eine Sklavin behandelt, die niemanden treffen darf.

Eines Tages entwischte das Kind schliesslich und machte sich auf den Weg zurück zu seinen Eltern. Als es zu Hause ankam, war niemand dort. So sehr es auch suchte und fragte, es konnte seine Eltern und Geschwister nicht ausfindig machen. Offenbar war die Familie weggezogen. Niemand wusste, wohin. Maria Rosa war und blieb allein. Bis heute hat sie ihre Eltern nie mehr wiedergesehen und sie sehnt sich nach wie vor unendlich nach ihren Lieben.

Da stand sie also mit ihren zehn Jahren und wusste nicht wohin oder wen um Hilfe bitten. Jemand sah sie so ziellos herumgehen und brachte sie ins Mädchenheim „Ebenezer“ in Monteagudo. Dort bekommen arme Mädchen zu essen und Wäsche, aber Maria Rosa entwischte auch von dort. Eine Frau in Monteagudo versprach ihr Arbeit in der Stadt Sucre. Sie wollte sie in ihrem Haushalt anstellen und ihr einen anständigen Lohn bezahlen.

Als Maria Rosa in Sucre ankam, musste sie feststellen, dass sie betrogen worden war. Sie arbeitete bei der Frau praktisch rund um die Uhr, bekam keinerlei Lohn und hatte auch nie frei. Wieder war sie eingeschlossen ohne jeglichen Kontakt nach draussen. Und so suchte sich Maria Rosa wieder einen Weg in die Freiheit. Zum zweiten Mal stand sie allein und ohne Ziel auf der Strasse, und wieder brachte jemand sie in ein Mädchenheim. Diesmal war es die „Oasis“. Dort lebte Maria Rosa bis sie zwölf und damit zu alt für das Heim war. Nun wurde sie im Jugendheim „Guadalupe“ untergebracht. Tagsüber arbeitete sie in der Stadt in einem Haushalt und nach der Arbeit kehrte sie jeweils ins Heim zurück. In diesem städtischen Heim war die Betreuung aber schlecht. Das Personal war lieblos, wechselte ständig, und die jungen Mädchen wurden für jeden Fehler hart bestraft. Beinahe fünf Jahre stand Maria Rosa dort durch, dann floh sie, weil sie die Sozialarbeiterin einfach nicht mehr aushalten konnte. Sie ging wie jeden Tag zur Arbeit, kehrte danach aber nicht mehr ins Heim zurück. In ihrer Verzweiflung bat sie die Betreuerinnen vom früheren Heim „Oasis“ um Hilfe. Oasis brachte Maria Rosa in die Anlaufstelle „Sinp’arispa“ und bat für sie um Notaufnahme.

Seither ist sie in Sinp’arispa. Sie ist sehr verschüchtert und hat anfangs kaum gesprochen. Ich habe sie bei mir in der Familie aufgenommen und lasse sie ein wenig im Haushalt helfen, damit sie sich ihr Brot verdienen kann. Was ihr aber vor allem fehlt, sind Wärme, Zuwendung und Verständnis. Hier bei uns in Sinp’arispa gefällt es ihr und in meiner Nähe taut sie auch langsam auf. Sie sagt, sie liebe es, die jungen Mädchen spielen und lachen zu hören. Der fröhliche Lärm gefällt ihr, aber dennoch traut sie sich noch nicht zu andern und bleibt im Zimmer.

Maria Rosa macht mir Sorgen. Sie ist so traurig, so einsam und ohne jede Zukunftsperspektive. Am liebsten möchte sie ihre Eltern suchen gehen. Aber in unserem Land dürfte es meines Erachtens praktisch ein Ding der Unmöglichkeit sein, sie zu finden. Ich versuche, allmählich auch noch andere Perspektiven mit ihr zu entwickeln. In einer Familie zu arbeiten, kann sie sich vorstellen. Es müsste Kinderlärm geben, der sie fröhlich macht, sagt sie. Wo es zu still ist, fällt ihr die Decke auf den Kopf.

Was mich beschäftigt ist auch die Art und Weise, wie ich die Verantwortlichen der Heime bei gemeinsamen Gesprächen über sie reden höre. Sie verhandeln über den „Fall Maria Rosa“ als wäre das Mädchen ein Objekt, für den es einen Standplatz zu finden gibt, der die beste Lösung ist. Niemand fragt, was Maria Rosa eigentlich möchte, niemand denkt wie ich, dass sie doch selbst ihren Weg finden, selbst entscheiden muss, ob sie vielleicht vornehmlich in einer Küche arbeiten möchte oder als Kindermädchen oder welche Möglichkeiten es sonst vielleicht noch gäbe. Schliesslich ist es doch Maria Rosas Lebensweg!

aufgezeichnet durch Sinp’arispa in Bolivien 31.08.2012