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Nachdem ich nach einer doch etwas anstrengender Reise nun gut in der Schweiz angekommen bin, werde ich hier meinen letzten Bericht über meine Zeit bei der Anlaufstelle in Sucre verfassen. Da es in der Zeit seit meinem vierten Bericht noch sehr viel zu tun gab, kam ich in Sucre selber nicht mehr zum Schreiben.

Dienstmaedchen Sticker    

Diese Stickers habe ich in Bolivien drucken lassen –
sie sind beim Trägerverein zu beziehen und sollen
dank der Verbreitung über euch dazu beitragen,
Spendengelder für das wirklich gute Hilfsprojekt zu
sammeln. Wer hilft mit?

Die politische Situation in Sucre hat sich in diesem letzten Monat verkompliziert. Als die Studentenproteste vorbei waren, haben die Lastwagenfahrer Ende April gegen eine Benzinpreiserhöhung und gegen Einsparungen beim Strassenbau protestiert. Dabei haben sie während acht Tagen alle Ausfahrtsstrassen von Sucre blockiert. In Sucre durfte ich am eigenen Leibe erleben, wie sich wohl die Stadtbewohner des Mittelalters bei einer Belagerung gefühlt haben müssen; in der Stadt selber konnte man sich frei bewegen und auch der Verkehr funktionierte einwandfrei, jedoch verliess kein Bus die Stadt, und das sonst immer überfüllte und laute Marktviertel war erstaunlich ruhig, denn es kamen nur noch beschränkt Lebensmittel in die Stadt, welche dann auch das Doppelte des Normalpreises kosteten. Die Leute nahmen die ganze Situation aber sehr gelassen, und die Motorradbesitzer, welche die Reisenden durch den kilometerlangen Lastwagenstau aus der Stadt fuhren, und viele Jungs mit Schubkarren, welche die Ladungen einiger Lastwagen durch den kilometerlangen Stau in die Stadt transportierten, freuten sich über äusserst gute Verdienste.

Auch die Arbeit auf der Anlaufstelle und ich profitierten sehr während dieser Woche: da Freddy nicht mehr arbeiten, d.h. mit Passagieren nach Potosi fahren konnte, erledigten wir zusammen den ganzen Tag lang Unterhaltsarbeiten. Zu zweit erreicht man viel mehr als nur alleine, und zusammenzuarbeiten motivierte uns noch zusätzlich. Wir haben den Brunnen von viel Schlamm und Abfall befreit, die neue Wasserpumpe aus Chile installiert, alle Türen und Fenster abgeschliffen und neu lackiert, Vorhangstangen angebracht und Flutlichter im Garten installiert. Als Freddy dann wieder arbeiten konnte, habe ich alleine nur noch an den restlichen Fassadensockeln Wandsteine angebracht, allerlei Lichter repariert und einige Kabel neu verlegt. Die Infrastruktur der Anlaufstelle ist nun meines Erachtens wieder in einem Zustand, der die nächsten paar Jahre kaum Probleme schaffen dürfte.

Inforveranstaltung

An den Sonntagen fanden in der Anlaufstelle im Abstand von jeweils zwei Wochen drei Informationsveranstaltungen zu Verhütung, sexuell übertragbaren Krankheiten und intrafamiliärer Gewalt statt. Diese wurden von einer medizinischen Organisation angeboten und durch eine sehr gute und fähige Lehrperson geleitet. Es ist geplant, dass diese Veranstaltungen im Zweiwochentakt weiterlaufen; das Thema der folgenden Veranstaltung beschliessen die Dienstmädchen zusammen mit der Lehrperson am Abschluss der jeweils vorangegangen.

Solche Veranstaltungen sind sehr beliebt, und an diesen Sonntagen sind immer doppelt so viele Personen anwesend wie sonst, allerdings zieht aber ein Grossteil des Zumarsches nach dem Mittagessen wieder weiter, um woanders den freien Nachmittag zu verbringen. An einem der anderen Sonntage sind wir nochmals nach Miraflores zu den Thermalquellen gefahren. Auch dieser Ausflug war ein voller Erfolg, obwohl dieses Mal nur sehr wenige Dienstmädchen mitfuhren: der Grund dafür war die kurz vorangegangene Reise und der Umstand, dass die Anlaufstelle nun keinen Anteil der Busmiete mehr stiftete, so dass der Preis von 30 Bs. auf 50 Bs. stieg, was bei einem 100%-Monatslohn von 600 Bs. bis 1000 Bs. eine sehr hohe Ausgabe ist.

Bueffelreiten

Ich habe auch die letzten Wochen in Sucre sehr genossen und viele Erfahrungen sammeln können, so war es zum Beispiel eine mathematisch logische aber emotional doch sehr verblüffende Erkenntnis, dass eine zwanzigjährige Mutter einer vier- und einer zweijährigen Tochter auch nicht älter ist als ich und das Tanzen um 4 Uhr morgens in der Disko nicht weniger geniesst als ich.

Neben der juristischen Hilfe ist das Freizeitangebot der Anlaufstelle meiner Ansicht nach der absolut wichtigste Arbeitsbereich, denn viele Mädchen und Frauen kommen ohne jegliche Kontakte nach Sucre und können so Freundinnen, welche in ähnlichen Situationen leben und mit den gleichen Problemen zu kämpfen haben, kennen lernen, mit welchen sie dann auch ausserhalb der Anlaufstelle ihre Freizeit geniessen können, sei es bei Ausflügen in den Park, als Fans der U-San Francisco Xavier-Mannschaft im Fussballstadion oder eben auch beim Ausgang in ein Karaoke oder eine Disco.

Im Garten

Meine Rückreise in die Schweiz lief dann in einer politisch etwas komplizierten Zeit ab. Bereits Anfangs Mai fingen im ganzen Land Minenarbeiter unter der Führung der nationalen Gewerkschaftsvereinigung an, die Strassen wieder einmal zu blockieren, um für eine 100%-Rente zu kämpfen. Die ganze Situation beruhigte sich etwas am Sonntag der zweiten Maiwoche, denn für den darauffolgenden Dienstag wurde eine Verhandlung mit der Regierung festgelegt. Ich brach an jenem Dienstag also nach Santa Cruz auf, nachdem die Verhandlungen allerdings bereits gescheitert und die Ausgangsstrassen also schon wieder blockiert und alle Busse ausser meinem gestrichen waren. Ich musste also die Blockade am Stadtrand mit meinem Reisegepäck zu Fuss passieren und darauf ausserhalb in den Car einsteigen, für den ich zum Glück bereits am Morgen ein Ticket mit Sitzplatz gekauft hatte, was sich als das grosse Los erwies, denn mittlerweile zahlten auch alle Gang-Passagiere für diesen einzigen Bus weit mehr als den normalen Tarif. Der Car raste bald los Richtung Santa Cruz, denn er musste ein Städtchen auf dem Weg vor Mitternacht passieren, um nicht durch die dort bereits angekündigte Blockade gestoppt zu werden. Am Mittwochmorgen erreichte er dann auch problemlos Santa Cruz, wo er aber auch ausserhalb der Stadt anhalten musste, denn die Strasse war durch die Lehrer, welche auch eine hohe Rente wollen, gesperrt worden. Ich liess also mein Gepäck mit einer Schubkarre mitnehmen, half dem Jungen aber immer wieder mit Tragen, und überquerte die gefällten Bäume und die Reihen der Streikenden zu Fuss.

Am Donnerstag hat sich dann die Lage aber verschlimmert, und es gab innerhalb von Santa Cruz schon unzählige Strassensperrungen, ausserdem kam ein eisiger Südwind auf, welcher Regen und Überschwemmungen brachte, die dann ihrerseits in der topfebenen Stadt die restlichen Strassen noch blockierten. Aufgrund der eisigen Kälte wurden die Strassenblockaden innerhalb der Stadt jedoch wie erwartet beim Einbruch der Nacht aufgehoben, und ich konnte um Mitternacht mit einem Taxi an den Flughafen fahren. Die restliche Reise über Panama und Frankfurt verlief dann ereignislos. Was mittlerweile politisch passiert ist weiss ich nicht, es wäre aber sehr interessant es zu wissen, denn bei meiner Abreise haben bereits die Bauern angekündigt, gegen die Proteste und Streiks und zur Unterstützung des Präsidenten zu demonstrieren. Die streikenden Minenarbeiter, Lehrer, Ärzte und Polizistenehefrauen kündigten ihrerseits an, dass sie keinen Fingerbreit von ihren Forderungen abweichen würden. Ob und wie weit Kundgebungen gegen den Präsidenten und der Wunsch, diesen vor seiner sicheren Wiederwahl im 2014 zu destabilisieren oder zu stürzen die eigentlichen Ziele dieser Proteste sind, und wer (national oder international) die Fäden in der Hand hat, ist auch mir äusserst unklar.

Nun bin ich wieder in Reigoldswil, die Umstellung ist gross und ich habe noch etwas Mühe, mich wieder ganz an die Zeitverschiebung und die schweizerische Überpünktlichkeit, den Ordnungswahn und die Unflexibilität anzupassen, aber ich bin sehr glücklich, meine Familie und meine Freunde wieder zu sehen. Der Abschied in Bolivien ist mir nicht leicht gefallen, und im Rückblick muss ich sagen, dass dies wohl die schönsten vier Monate meines Lebens waren. Um diesen Bericht hier aber nicht allzu kitschig zu beenden, werde ich noch ein Rätsel anfügen. Ich habe in Bolivien auch sehr die allgemeine Regelfreiheit genossen, sei es beim Autofahren, bei der Termingestaltung oder bei der Orthographie. Nun gilt es für meine Leser folgendes zu erraten: Welche internationale Berühmtheit versteckt sich hinter der mehrfach gesehenen Schreibweise des Namens der Abendschule "Chonqueneti"?

Wer die Antwort weiss, schickt sie an: mail@dienstmaedchen-bolivien.org Unter den richtigen Antworten entscheidet das Los anlässlich GV am 11. Juni. Als Preis winkt ein Artefakt aus Bolivien.