Ich werde mir nun die Zeit nehmen, meinen dritten Bericht zu verfassen, denn nachdem wir heute den ganzen Tag Bauschutt geschaufelt und geschleppt haben, brauche ich ein bisschen Erholung von körperlicher Arbeit. Die Renovation der Gebäude ist bis jetzt sehr gut vorangegangen.

Maurer Manuel_schaufelt

Ich will hier zuerst meinem Maurer Don Adolfo danken, der während dieser ganzen Zeit sehr gute und zuverlässige Arbeit leistete. Ausserdem danke ich allen, die zu den erstaunlichen Fortschritten, die wir bereits geleistet haben, beigetragen haben: die Namensliste wäre über die Schweiz bis nach Sucre sehr lang. Besonderen Dank muss ich hier aber an den Ehemann von Elizabeth, Freddy Garcia, ausprechen, denn ohne ihn wäre dieser Bau in dieser Weise nicht möglich gewesen. Obwohl Freddy von Mitternacht bis Mittag als Chauffeur eine vor allem durch die Uhrzeiten sehr anstrengende Arbeit zu verrichten hat, findet er am Nachmittag doch oft noch die Kraft, auf dem Bau bei allem Möglichen mit anzupacken. Und wenn sich die Arbeit antürmt, so lässt er auch immer mal wieder einen Arbeitstag sausen, um mit voller Energie mitzuhelfen. Sein eigenes Auto, welches mir fast jeden Nachmittag zur freien Verfügung steht, oder gar das von einem Freund ausgeliehene, haben dem Trägerverein unzählige Mieten von Taxis und Lastwagen erspart.

Maurer

Ich muss sagen, dass diese Zeit recht anstrengend ist, denn schon allein die Beschaffung des Baumaterials ist fast ein Vollzeitjob. Leider informiert mich Don Adolfo, trotz intensivem Nachfragen, erst im Moment selber, wenn er etwas braucht. Und dann sollte dies möglichst in einem Augenblick vor Ort sein, unabhängig von der Uhrzeit und der Menge des Materials. Das Anstrengendste aber ist es, die sehr unterschiedlichen Wünsche und Vorstellungen zu berücksichtigen und die Arbeit dementsprechend zu verrichten, um die Gebäude so zu hinterlassen, dass alle, egal ob Architekt oder Maurer, Bolivianer, Deutscher oder Schweizerin, vor allem aber die hier lebende Familie, glücklich sind. Ich denke aber, das ist mir bis jetzt nicht schlecht gelungen.

Nebenbei habe ich in dieser Zeit versucht, den bürokratischen Aufwand für eine Aufenthaltsbewilligung und die Einschreibung in die Universität abzuwickeln, was beides nach tagelangem Schlangestehen und der Beschaffung von zusätzlichen Dokumenten, wie Polizeiregister, Wohnungsbestätigung, etc., etc., an Kleinigkeiten gescheitert ist.

Jeden Sonntag kommen ungefähr 20 Frauen, um ihre Freizeit hier miteinander zu verbringen. Neben dem immer sehr leckeren Essen von Doña Margarita, beschäftigen wir uns mit dem Herstellen von Schmuck, mit Fernsehen, Fussballspielen oder auch nur im Garten chillen. Es geht immer sehr lustig zu und her und alle scheinen Spass zu haben, obwohl ich, wenn Elizabeth mir ihre Geschichten, welche oft von Betrug, Schlaegen, Vergewaltigungen, etc handeln, erzählt, immer wieder ins Schaudern komme. Pro Woche erhält Elizabeth auch immer mehrere Fälle von fehlender Bezahlung, von welchen sie dann die Allermeisten direkt mit den Señoras zu Gunsten der Angestellten klärt. Einige muss sie aber trotzdem ans Arbeitsministerium weiterziehen, ein Sieg kann in diesen Fällen jedoch fast sicher vorausgesagt werden. Zur Zeit steht die Planung eines gemeinsamen Ausfluges zu den Thermalbädern von Potosi an, dieser soll noch im März stattfinden.

Kinder Fussballspielen

Weiterhin geht es mir sehr gut und ich geniesse meine Zeit in Sucre. Um diesen Bericht lesenswerter zu machen, werde ich hier noch zwei Zahlenvergleiche anbringen, welche die sehr verschiedenen Lebensumstände der Schweiz und Boliviens unterstreichen. So sind hier, laut aktuellen Fernsehberichten, in einem Monat in Fernverkehrbusen über 80 Passagiere gestorben. In der SBB stirbt in Jahrzehnten wohl nicht ein Bruchteil dieser Zahl an Passagieren. Ganz davon abgesehen und nicht mit eingerechnet sind alle weiteren Unfälle auf den bolivianischen Strassen, bei denen sehr oft Alkohol im Spiel ist. Und: Auf unserem Computer hier beträgt meine Surfgeschwindigkeit im besten Fall 40kb/s, Up/Downloaden läuft theoretisch zwischen 1 und 3kb/s, dies führt natürlich auch oft zu Überlastungen und Abstürzen, nach welchen wieder von vorne angefangen werden muss. In der Schweiz ist sogar der schlechteste Natelempfang um ein Vielfaches schneller.

Doch es gibt auch Ähnlichkeiten: so kommt es im Umgang mit den Leuten hier, genauso wie überall auf der Welt, auf Freundlichkeit und Respekt an, und ich muss sagen, ich fühle mich fast wie zu Hause.

Schmuckstand