Land in Sicht

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Gestern bin ich sehr früh erwacht. Wie schon öfter hörte ich leicht veränderte Geräusche des Schiffsmotors. Wieder einzuschlafen gelang mir nicht, also schlich ich aus der Kajüte und ging neugierig an Deck. Nicht selten hatte mich mein Eindruck schon getäuscht und wir waren wie am Abend zuvor auf hoher See gefahren oder unverändert im Hafen geblieben. Ungeduldig blickte ich in die Nacht, um irgendein Zeichen zu erkennen, das mir Aufschluss über die Schiffsbewegung geben konnte. Der Wind zerrte an meinen Haaren, ich war froh um die Jacke, die ich im letzten Moment noch ergriffen hatte, und bedauerte, nicht nach den Socken getastet zu haben. Über die Reling gebeugt, schaute ich ins Wasser hinunter. Mein Erstaunen war gross: grünlich grau und still lag es unter mir. Kein Zweifel, wir fuhren auf dem Rio de la Plata. Nun konnte ich in der Ferne auch Lichter am Ufer ausmachen. Trotz der Kälte ging ich aufs obere Deck, um in alle Richtungen sehen zu können. Und da erst nahm ich den Sternenhimmel in seiner ganzen Schönheit wahr. Erst einmal in meinem Leben, an einem der vergangenen Abende, hatte ich eine solch dichte Pracht von Sternen gesehen, die Milchstrasse als Lichterweg mit unzähligen Eigenheiten, vereinzelt blinkende Sterne in allen Richtungen des Himmels und bis hinunter zum schwarzen Horizont. Gar nicht immer leicht auszumachen, welches zuletzt Lichter des Menschen am Ufer waren. Über mir ein kleines bewegtes Aufleuchten: eine Sternschnuppe, auf beiden Seiten weit entfernt Land. Links Argentinien, rechts Uruguay. Hinter uns machte ich einen helleren Lichtschein aus: Montevideo vielleicht. Von der Brücke aus erkannte ich schwach einzelne Leuchtbojen vor uns. Majestätisch änderte das Schiff seinen Kurs im schmalen schiffbaren Kanal dieser immensen seichten Mündung.

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Später wurde der Himmel hinter uns allmählich rot. Ich hatte mich wieder ins Schiff verzogen, heiss geduscht und mich zum Schreiben hingesetzt. Ich war unruhig erwacht in der Vorstellung, was es alles noch zu erledigen galt vor unserer Ankunft in Buenos Aires. Wenn möglich per e-mail eine Unterkunft reservieren, sämtliche Wäsche waschen, die Unterrichtseinheiten der Kinder abschliessen, diesen Bericht fertig stellen und mailen, Rafaels Haare schneiden, möglichst die Gebrauchsanweisung der neuen Digitalkamera endlich lesen und schliesslich alles schlau verpacken für die kommende Reise an Land. Während ich in der Frühe am Tisch sass und schrieb, stellte ich auf einmal erstaunt fest, dass sich das Schiff kaum mehr bewegte. Sofort also wieder an Deck. Die Sonne war gerade aufgegangen. Um uns herum lag mindestens ein Dutzend Frachter vor Anker. Die Mündung des Rio de la Plata ist riesig. Hier liegen die Ufer in weiter Entfernung voneinander.

Ich stellte mir vor, dass jemand vom Mond aus unsere Position abschätzen könnte, und war irritiert. Schliesslich stand das Schiff still. Wir legten den Anker also auch. Anker raus - und die Zeit bleibt stehen. In Ruhe kann ich mich hinter all die Aufgaben machen: ein Tag dürfte wohl eingeschoben sein. (Während der letzten Wochen in Reigoldswil hätte ich auch ein paar Ankertage gebraucht!) Dennoch sind die Tage unserer Seereise gezählt.

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Heute früh die nächste Überraschung. Wir fahren mit unserem riesigen Hochseeschiff einen schmalen Flusslauf hinan: den Rio Parana, wie wir später erfahren - die Crew macht sich nichts daraus, Passagiere über die Fahrtroute zu informieren. Stundenlang folgen wir dem mäandernden Lauf und verstehen erst einmal gar nichts mehr. Endlich reimen wir uns die Geschichte zusammen: In Zarate, das wir bis dahin auf keiner Karte finden konnten, werden in grossem Stil Autos aus- und eingeladen. Das erfordert sehr viel Lagerplatz im Hafen. Wir sind in der Nacht also an Buenos Aires vorbeigefahren und den Rio Parana hinauf.

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Hier zeigt uns auch die Vegetation unmissverständlich, dass es Herbst ist. Nach rund 24 Stunden Hafenlage werden wir wieder in die argentinische Hauptstadt hinunterfahren, wo wir dann definitiv von Bord gehen können. Das Ganze nimmt etwa zwei Tage in Anspruch - mit dem Auto bräuchten wir von Zarate bis Buenos Aires vielleicht anderthalb Stunden, heisst es.

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Die Zeit hat auf dieser Reise ihren Charakter verändert. Einzelne Tage haben an Bedeutung verloren. Zunächst ging es zwei Tage früher los, als es hiess, und schliesslich dauert die Überfahrt eine halbe Woche länger. Blickt man auf die Umgebung, lässt sich leicht feststellen, dass die Fahrt in einer für europäische Wahrnehmung beinahe beängstigenden Langsamkeit vor sich geht. Wer könnte sich so leicht vorstellen, den Atlantik im 21. Jahrhundert im Tempo eines Mofas zu überqueren. Und doch ist das die Realität. Kaum merklich verändert sich nachts die Position eines Sterns im Blickwinkel. Und die heutige Flussfahrt unterscheidet sich in der Geschwindigkeit nicht wirklich von unserer letztjährigen Kanufahrt, allerdings flussaufwärts, zugegebenermassen. Da lohnt es sich nicht mehr, Stunden und Minuten zu zählen. Eher Tage und Wochen. Für die Arbeit in Bolivien, denke ich, ist das eine gute Voraussetzung.

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Nun blicken wir wieder voraus, aufs Land. Die Schweiz mit all unseren Erlebnissen dort, liegt weit zurück. Vor uns liegt noch einmal eine Reise, für die nun Leo und ich Planung und Verantwortung übernehmen müssen. Die Zeit des Zurücklehnens geht dem Ende entgegen. An Land werden wir sehr beschäftigt sein. Zunächst gilt es, Zollformalitäten und Benjamins ambulante Spitalbehandlung (Wespengift-Desensibilisierung) zu meistern. Das dürfte uns in der unbekannten Metropole während der ersten Tage auf Trab halten. Danach werden wir die Weiterreise angehen und dabei hoffen, dass der Citroën seine Reisekrise an Bord überwunden hat und wieder läuft. Unterwegs heisst es, täglich viele Kilometer zu fahren, den Weg, vernünftiges Essen und einen Ort zum Schlafen zu finden, die Kinder vom Streiten abzuhalten usw. Wir werden beschäftigt sein.

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Diesen Teil der Reise packen wir nun aber doch erholt und mit viel Elan an. In Bolivien hoffen wir erst recht auf Glück mit dem Zoll, später für eine gute Wohnmöglichkeit, die Aufenthaltsbewilligung, passende Schulen für die Kinder und einen irgendwie sinnvollen Start mit dem Projekt. Bis dahin - und das dürfte sich nun um mehrere Wochen handeln - wird keine Zeit für Berichte bleiben. Aber keine Nachricht bedeutet ja bekanntlich immer gute Nachricht...

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