Zum Beispiel Julia

Aufgezeichnet von Celia Brito, Mitarbeiterin der Anlaufstelle „Sinp’arispa”, Sucre/Bolivien Deutsch nacherzählt von Maria Magdalena Moser, Gründerin und Projektleiterin der Anlaufstelle, Reigoldswil/Schweiz

Julia Colque* stammt aus der Provinz Hernando Siles, aus Villa Abecia in Chuquisaca. Mit 13 Jahren kommt sie vom Land in die Stadt. Sie versteht noch kein Spanisch, spricht nur ihre Muttersprache Quechua. Da sitzt es vor uns: ein kleines, verschüchtertes Mädchen im typischen Faltenrock, mit langen Zöpfen und verängstigtem Blick.

Ihre grosse Schwester hat Julia in die Stadt gebracht, damit sie sich ihren Lebensunterhalt selbst verdient. Nun kann die Schwester aber keine Anstellung für Julia finden, und zu sich mitnehmen kann sie die Kleine auch nicht. Wie so häufig der Fall, wohnt die Schwester nämlich im Haushalt, in dem sie arbeitet, und da kann sie keine kleine Schwester im Zimmer haben. Gott sei dank kennt sie die Anlaufstelle Sinp’arispa und bringt Julia zu uns.


* Name geändert

Julia Colque vor fünf Jahren, als sie im Alter von 13 Jahren von ihrer Schwester in die Anlaufstelle Sinp’arispa gebracht wurde.

Julia hat keine Ahnung von der Stadt, keine Ahnung vom Leben in einem Haushalt ohne Lehmboden, ohne Kochnische über dem offenen Feuer. Sie muss lernen, wie man eine festen Boden fegt, ein Badezimmer, ein Schlafzimmer, eine Küche sauber macht, wie man einen Kochherd benützt, was ein Kühlschrank und ein Kleiderschrank sind, und wie man darin die vielen Dinge aufräumt, die es in der Stadt gibt. Auch mit einem Bügeleisen, einem Mixer und einer Waschmaschine muss sie umzugehen lernen. Dazu muss sie vordringlich die Sprache der Menschen in der Stadt lernen und versuchen, ihre Gewohnheiten und Denkweisen zu verstehen. Sonst wird sie keine Anstellung finden können.

Dr. Elizabeth Montero, die Leiterin der Anlaufstelle, nimmt sich des Mädchens an. Die Unterkunft in der Notschlafstelle ist da die kleinste der zu meisternden Schwierigkeiten. Elizabeth nimmt Julia in ihre Familie auf, bringt ihr Hausarbeiten und Spanisch bei und lässt das Kind allmählich Vertrauen finden und auftauen. Bald bezahlt Elizabeth dem Mädchen schon einen Lohn. Julia weiss nun schon, dass in der Stadt zu bestimmten Zeiten gegessen wird: Frühstück, Mittagessen, Abendessen, und nicht eben dann, wenn gerade Zeit und Nahrungsmittel zur Verfügung stehen. Sie gewöhnt sich daran, dass das Leben in der Stadt einem anderen Rhythmus folgt als auf dem Land. Und sie kann bald schon ein wenig Spanisch.

Das ist wichtig. Denn nun bekommt sie eine Anstellung bei einem älteren Ehepaar, wo sie hilft, den Haushalt zu verrichten. Sie macht ihre Arbeit gut; die Señora ist zufrieden und lehrt Julia auch, sparsam mit dem kleinen Lohn umzugehen und nur das Nötigste zu kaufen. Dann aber beginnen die Probleme mit dem Hausherrn. Julia erzählt ihrer Señora, dass er sie bei der Hand nimmt und immer wieder anfasst, wenn die Señora nicht da ist.

Nach einem Jahr in der Stadt wechselt Julia die Kleidung. Sie trägt nun nicht mehr den Faltenrock der indigenen Bevölkerung, denn diese Röcke sind teuer, und in der Stadt kann sie sich für viel weniger Geld an einem der kleinen Stände ein Paar Jeans kaufen, die den Inhalt aus den Kleidersammlungssäcken der USA verkaufen. Julias Schwester und die Familie auf dem Land sind empört über diese Veränderung. Aber Julia hat beschlossen, fortan wie eine Städterin auszusehen.

Und sie gibt ihre erste Stellung auf, weil der Mann sie immer wieder belästigt, wenn die Señora nicht im Haus ist. Sie sucht eine neue Arbeitsstelle und findet auch eine als Kindermädchen bei einer Polizistin. Aber die Polizistin behandelt sie schlecht, ist böse zu ihr und äussert sich ständig abfällig über sie. Die Stelle ist wirklich nicht so, dass Julia bleiben könnte, und so kündigt sie wieder. Auch sie braucht schliesslich eine Anstellung, bei der sie sicher ist und ihre Rechte als Hausangestellte respektiert werden.

Wieder hilft ihr die Anlaufstelle bei der Suche nach einer Arbeit. Diesmal tritt sie eine Stelle bei einer Zahnärztin an, wo sie ein kleines Mädchen betreut und das Haus sauber hält. So weit so gut, aber Julia ist nun schon kein Kind mehr, sondern ein junges Mädchen, das etwas mehr Geld für seine Arbeit verdienen möchte. Die neue Señora geht auf Julias Bitte um mehr Lohn nicht ein, mit der Begründung, sie sei mit der Arbeit nicht zufrieden, Julia mache fast nichts in ihrem Haus. So gibt Julia auch diese Stelle wieder auf und kommt in die Anlaufstelle zurück, von wo aus sie erneut auf Arbeitssuche geht.

Diesmal findet sie eine Stelle mit guter Bezahlung und fängt dort auch gleich an. Aber nun zeigt sich eine neue Schwierigkeit: Da Julia noch kaum Schulbildung hat, besucht sie die ganze Zeit über schon die Abendschule – ein Angebot der öffentlichen Schule für arbeitende Kinder und Jugendliche. Von 6 bis halb 10 Uhr abends drückt sie die Schulbank in der Nähe des Stadtzentrums. Sie ist noch beim Grundschulstoff, kann kaum lesen und schreiben, denn auf dem Land hatte sie gerade mal die erste Klasse angefangen, musste diese aber bald schon wieder abbrechen. Und nun hat sie mit dem Rückweg von der Schule zu ihrem Arbeits- und Wohnhaus ein Problem. Die neue Stelle ist in einem weit abgelegenen Stadtteil, wohin nicht einmal einer der kleinen Busse fährt. Der weite Weg zu Fuss zu nächtlicher Stunde ist ermüdend und gefährlich. Deshalb gibt Julia auch diese Stelle schon bald wieder auf.

Nun ist Julia erneut auf Stellensuche, wieder in der Anlaufstelle Sinp’arispa. Während zweier Wochen klappert sie alles ab. Gleichzeitig ruft die Zahnärztin an, weil sie schon wieder ein Dienstmädchen sucht. So kehrt Julia an diese Arbeitsstelle zurück, nachdem die Señora einwilligt, ihr den Lohn zu erhöhen. Beide sind zufrieden und alles geht gut, bis die Señora wieder anruft, sich über Julia beklagt und wieder sagt, sie tue fast nichts, und ausserdem komme sie sonntags nicht früh genug vom Ausgang wieder nach Hause. Irgendwie klappt es dank unserer Vermittlung aber doch, und Julia bleibt eine geraume Zeit bei der Zahnärztin und besucht weiterhin die Abendschule. Aber das Lernen macht ihr Mühe, und sie kommt schlecht voran. So gibt sie die Schule schliesslich resigniert auf.

Bald darauf beschliesst Julia, abends eine Ausbildung als Näherin zu absolvieren. Und in dieser Schule geht es ihr gut. Mit grossem Einsatz bringt sie diese Ausbildung schliesslich erfolgreich zu Ende und erhält ihr Diplom als Schneiderin. Nun beginnt ein neuer Lebensabschnitt für sie. Jetzt möchte sie in ihrem erlernten Beruf und nicht mehr als Dienstmädchen tätig sein und kündigt ihre langjährige Arbeitsstelle. Und so zieht Julia weg, zuerst nach Tarija, der südlichsten Stadt Boliviens, und später nach Argentinien. Sie will Erfahrungen im Schneiderberuf machen und noch besser mit den Maschinen umgehen lernen. Sie möchte sich ein kleines Kapital ersparen, um schliesslich einmal ihr eigenes Schneideratelier eröffnen zu können.

So hat Julia in den vergangenen fünf Jahren das erreicht, wovon alle Mädchen der Anlaufstelle Sinp’arispa träumen: Sie wollen ihr Leben in die Hand nehmen, ihre Lebensqualität verbessern, ihre Abhängigkeit verringern. Einige studieren gar an der Universität. Aber alle leben von der Hausarbeit in fremden Haushalten.

Auf diesem Foto seht ihr Julia in der Anlaufstelle Sinp’arispa, kurz bevor sie abreiste. Sie ist eine junge Frau geworden, auf die wir stolz sind: respektvoll und verständig. Die Anlaufstelle war für ihren Weg von grosser Bedeutung. Vor ihrer Abreise haben wir mit den anderen Dienstmädchen an einem Sonntag ein Abschiedsfest gefeiert. In ein paar Jahren wird sie zurückkehren. Mit ihren 18 Jahren kann sie nun selbst über ihr Leben entscheiden und durch die Volljährigkeit auch ins Ausland ausreisen.

Uns von der Anlaufstelle Sinp’arispa erfüllt es mit grosser Freude, wenn wir an unsere junge Freundin Julia denken. Wir sind stolz auf Julia, die wir nun schon seit fünf Jahren kennen. Besonders stolz sind wir, weil wir wissen, mit wie viel Schwierigkeiten und leidvollen Erfahrungen Julias Weg verbunden war. Aber Julia hat es geschafft, aus den Schwierigkeiten herauszufinden und ihr Leben selbst zu gestalten.

Heute lebt Julia in Buenos Aires. Immer wieder mal ruft sie uns an, wenn sie Heimweh hat nach der Anlaufstelle, die ihr ein Zuhause geworden ist, nach der feinen Suppe, die Doña Margarita sonntags für die Dienstmädchen in der Anlaufstelle kocht, nach den Freundinnen, die sie in der Anlaufstelle gefunden hat. Sie vermisst es, mit den Freundinnen aus der Anlaufstelle sonntags in den Park zu gehen und ein Eis zu essen, sie vermisst uns von der Anlaufstelle, die ihr zuhörten, wenn sie über ihren ersten Liebeskummer weinte, und die wir ihr mit Rat und Tat zu Seite standen und sie darin unterstützten, das Leben in die Hand zu nehmen – das Leben, das in keiner Weise leicht ist.

www.dienstmaedchen-bolivien.org 27.11.2013