Gregoria

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Gregoria Portrait Gregoria ist ein Dienstmädchen wie tausende anderer in Sucre. Und doch ist ihr Schicksal ein ganz besonderes. Heute geht es Gregoria gut: Sie ist fröhlich und schaut voller Energie ins Leben. Aber noch vor wenigen Wochen was das ganz anders.
Als wir Gregoria im Juni in der Gewerkschaft kennen lernten, fiel sie Elizabeth und mir gleich am ersten Abend als sympathische, originelle uns eigenständig denkende Frau auf. Sie schien auch später immer irgendwie ausserhalb der gegenpoligen Gruppen zu stehen, die in den Sitzungen viel Zeit und Energie darauf verwandten, sich gegenseitig Vorwürfe zu machen, um Punkte für die bevorstehenden Wahlen zu gewinnen. Mitläuferin schien Gregoria aber auch keineswegs zu sein.

Sie äusserte sich kritisch, ohne aber in die Parteienfrage involviert zu sein. Zu unserer Enttäuschung kam aber Gregoria oft nicht in die Gewerkschaft. Wochen vergingen, während derer wir sie kaum sahen, und wenn, dann ging es ihr offensichtlich schlecht. Sie war bleich, wirkte müde und schwach. Nicht selten sass sie niedergeschlagen auf ihrem Stuhl, ohne zu irgendetwas Stellung zu nehmen. Es hiess, Gregoria sei schwer krank.

Wahl in der Gewerkschaft Zu unserem Erstaunen wurde Gregoria am 28. Juni bei der Wahl der neuen Gerwerkschaftsführung als Kandidatin genannt. Elizabeth und ich funktionierten an diesem Abend als Wahlhelferinnen und enthielten uns selbstverständlich jeglicher Meinungsäusserung. Insgeheim aber hofften wir beide, wie wir uns nachträglich gestanden, dass Gregoria gewählt würde, obwohl wir uns natürlich auch fragten, wie sie das gesundheitlich machen könnte. Die Wahl um den ersten Posten, den der Gewerkschaftssekretärin, der einzigen bezahlten Stelle, verlief äusserst knapp. Gregoria lag lange mit einer Stimme in Führung, bis Beatriz schliesslich mit einem Punkt Vorsprung gewann. Gregoria wurde als Verantwortliche für Organisation auf den zweiten Posten gewählt.
Endlich konnte ich bei einer der regelmässigen nächtlichen Rundfahrten, mit welchen ich allwöchentlich viele Frauen nach der Sitzung heim chauffiere, in Erfahrung bringen, was Gregoria fehlte: Gregoria war zuckerkrank, seit mehr als vier Jahren schon, aber sie hatte vor einem Jahr die Insulin-Behandlung nach einem knappen Monat wieder aufgegeben, weil ihr das Geld dafür nicht ausreichte. Damals sei es ihr sowieso nicht besser gegangen als sonst auch. "Wozu hätte ich fast den ganzen Lohn für Insulin ausgeben sollen, wo es doch ohnehin nicht hilft?" Ich war machtlos mit meinen Ueberredungsversuchen. "Wenn ich noch zwei, drei Jahre leben kann, bis der jüngere meiner Söhne aus dem Gröbsten raus ist, bin ich zufrieden. Dann will ich gerne gehen."

Gregoria Portrait Ich konnte es nicht fassen. Gregoria ist 33 Jahre jung. Sie hat einen 18- und einen 14-jährigen Sohn. Der ältere Sohn lebt schon von klein auf bei der Grossmutter und arbeitet seit einiger Zeit als Gehilfe in einer Schreinerei. Den Jüngeren hat sie immer bei sich gehabt. Er wohnt mit ihr im Dienstmädchenzimmer im Hinterhof ihrer Arbeitgeber und geht in die achte Klasse.

 

 

 

 

 

Geschirr waschen Viele Wochen vergingen, während derer ich immer wieder versuchte, Gregoria zu einem Arztgang mit mir zu bewegen. "Wenn ich Zeit habe, gehen wir", sagte sie, aber Zeit hatte sie nie. Wie auch, da sie als Hausangestellte schliesslich von Montag bis Samstag von früh bis spät arbeitete. Der gesetzliche Zehn-Stunden-Arbeitstag für Dienstmädchen, die im Haushalt wohnen, blieb auch bei ihr nur auf dem Papier. Später sagte sie, sie sei mit ihrer Senora schon beim Arzt gewesen. Nun trinke sie verschiedene Kräutertees. "Gregoria, das reicht nicht aus! Du musst regelmässig Insulin spritzen, sonst wirst du nicht mehr lange leben!" Die Anzeichen extrem hoher Glukose-Werte waren unübersehbar: Nicht zu stillender Durst, Müdigkeit, Schwäche. Auch etliche Langzeitschäden schienen schon da zu sein, wie etwa Gewichtsverlust und Sehschwächen.

 

Wischen Ich hatte längst schon mit meinem Vater, der Diabetiker ist, telefoniert. Er fand die Anzeichen alarmierend und bot sofort an, Gregorias Behandlung zu bezahlen. Mit dieser Nachricht hoffte ich, Gregoria endlich überzeugen zu können. Aber der Widerstand gegen medizinische Behandlung ist hier zuweilen stark. Ihre Mutter habe ihr gesagt, die Glukosewerte seien bestimmt so hoch geworden, weil man ihr zur Kontrolle immer wieder Blut abnehme, erzählte mir Gregoria später. Ich musste einige weitere Anläufe unternehmen, bis ich mit Gregoria endlich zum Arzt konnte. "Hay que insistir no más!", sagt man hier so schön.

Ohne Insistieren, ohne Hartnäckigkeit geht nichts. Mehrfach läutete ich an ihrem Arbeitsort. Einmal war nur die Señora da und sagte mir, Gregoria sei schon in Behandlung, sie trinke Kräutertees, "und ausserdem bete ich immer für sie." Ein weiterer Arztgang sei nicht nötig. Oh ja, die Mormonen.

Gartenpflege Vor einem Monat waren wir also schliesslich bei einer Aerztin für innere Medizin. Die anschliessende Laboruntersuchung ergab erschreckende Werte. Die Aerztin setzte alles daran, Gregoria zu einer Spezialistin zu überweisen und zu einem mehrtägigen Spitalaufenthalt zu überreden. "Was wird meine Señora dazu sagen?", war die grösste Sorge. Nach ein paar Tagen hatten wir sie schliesslich so weit: Gregoria wurde mit einem Glucosewert von 449 interniert - allseits Erstaunen, dass sie nicht schon im Koma lag. Es ging ihr an diesem Montag wirklich mies, sie war schwach, ausgetrocknet und konnte sich kaum auf den Beinen halten. Am Samstag hatte die Señora sie gleich ganz verabschiedet: Es sei jetzt eben wichtiger, dass sie für ihre Gesundheit sorge, hiess die fristlose Entlassung freundlich. Also musste sie in ihrem schlechten Zustand auch gleich noch ihre Sachen zügeln. Aber irgendwie war Gregoria auch froh.

Es ging nicht ohne Kampf, für Gregoria ein Spitalbett zu erhalten. Das Spitallabor wollte sie heimschicken und auf den nächsten Tag bestellen. Ob Gregoria dann noch am Leben gewesen wäre, war den Laborantinnen offenbar egal. Allein hätte sie den Kampf in ihrem Zustand nie durchgehalten. Selbst von mir forderte er viel Kraft. Und die Vorstellung, wie viele arme, eingeschüchterte Menschen auf diese Art wohl ihr Leben verloren, beschäftigt mich heute noch. Gregoria konnte wenigstens geholfen werden. Das ist immerhin ein Trost.

In den vielen Stunden, die ich an Gregorias Krankenbett verbrachte, erzählte sie mir einiges über ihr Leben. Ihre Eltern waren beide Waisenkinder und hatten nur ein winziges Stück Land geerbt. Die Ernte reichte nicht aus, um die Familie zu ernähren, und von den zehn Kindern, die ihre Mutter gebar, überlebten nur fünf. Gregoria war im Dorf gern in die Schule gegangen, aber sie durfte sie nicht einmal zwei Jahre lang besuchen. Deshalb kann sie kaum lesen und fürchtet sich vor allen schriftlichen Dingen..

Waschen Als Gregoria neun Jahre alt war, kam die Familie in die Stadt. Von da an arbeitete das Mädchen immer. Zuerst als Kindermädchen: Windelnwaschen, wickeln, das Baby auf dem Rücken herumtragen. Mit dreizehn wechselte es an eine andere Stelle, wo es kochen lernte und täglich gescholten wurde. Sonntags musste es mindestens drei Stunden lang Pfefferschoten unter dem Handstein zermahlen, nie war die Señora mit der Feinheit zufrieden.

Wäsche aufhängen Mit Fünfzehn bekam Gregoria ihren ersten Sohn. Ihre Mutter sorgte für das Baby, und Gregoria arbeitete weiter. Wenig später wurde sie wieder schwanger, diesmal aus einer andauernden Beziehung. Das Kind gebar sie tot. Erst nach der Geburt des jüngsten Sohns zog sie mit dem Mann zusammen. Doch nun wurde sie geschlagen und erhielt kaum Geld zum Kochen. Der Vater kümmerte sich nicht um das Kind, kam betrunken nach Hause und schlug. Und die wenigen Lebensmittel trug er zu seiner Geliebten. So suchte sich Gregoria wieder eine Stelle. Sie hatte Glück: Am letzten Arbeitsort nahm man sie auch mit dem vierjährigen Sohn und behielt sie zehn Jahre lang. Nachträglich hat diese Señora die Kündigung auch wieder rückgängig gemacht. Die Krankheitsabwesenheit wolle sie als die ihr zustehenden Ferien betrachten. Und nun solle Gregoria nur noch halbtags arbeiten: Kochen und bügeln. Ob Gregoria für den entsprechen reduzierten Lohn von 260 Bs allerdings dort bleibt, ist offen. Ein Liter Milch kostet 3.50, drei Brötchen einen Boliviano. Schulmaterialien und anderes mehr liegt da nicht mehr drin, von den Blutzucker-Messstäbchen, dem Insulin und den Spritzen ganz zu schweigen. Aber für letzteres ist ja gesorgt: Gregorias Dankbarkeit ist unendlich. "Noch nie hat mir jemand geholfen. Wie kann mir dein Vater das alles schenken, wo er mich doch nicht einmal kennt?" "Wenn dir bisher noch nie jemand geholfen hat, wurde es aber auch Zeit dafür, Gregoria!" Auch die Aerztin hatte Gregoria überzeugen helfen: "Du hast jetzt diese Ausländerin getroffen, und nun wird dein Leben wieder gesund weitergehen, auch wenn du dir dreimal täglich Insulin spritzen musst!"

am Kühlschrank Inzwischen hat Gregoria die Hilfe annehmen können. Sie ist trotz Skrupel aus dem Spital zu uns gekommen, wo wir ihr mit der Diät halfen. Auch wenn sie jetzt wieder arbeitet, kommt sie doch abends mit ihrem Sohn noch zu uns. Selbst Grover hat sich an uns, erst so fremden Ausländer gewöhnt und versteht sich nun bestens mit unseren Kindern.

mit Pfanne Gregoria strahlt und macht Sprüche. Sie habe sich überlegt, ob sie sich nicht in der Abendschule in die zweite Klasse einschreiben solle, sagt sie. An einem Tag, an dem sie allein dort ist, lädt sie mich an ihrem Arbeitsort ein, um Fotos zu machen, obwohl sie niemanden ausser ihrem Sohn ins Haus lassen darf. Und nach dem, was ich ihr von Hebammen in der Schweiz erzählt habe, äussert sie sogar plötzlich den Gedanken, sich als Hebamme ausbilden zu lassen, beeindruckt von der kürzlichen Geburt ihrer Grossnichte... Leo wird im SINP'ARISPA wahrscheinlich Alphabetisierungskurse anbieten. Da dürfte Gregoria bestimmt seine erste begeisterte Schülerin sein. Vielleicht wird sie vorübergehend mit ihrem Sohn auch im renovierten Häuschen schlafen, damit es nachts gehütet ist, bis die übrigen Gebäude entstehen. Jedenfalls ist sie von der entstehenden Anlaufstelle begeistert.

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