Erfolge und Schläge (26. 1. 08)

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Eröffnungsfest

Die letzten Monate haben uns kaum atmen lassen, und so waren die Berichte über die Anlaufstelle dünn gestreut. Hier sollen nun in grossen Zügen die Ereignisse der letzten Wochen des gerade vergangenen Jahres zusammengefasst werden: Erfolge und Schläge in grosser Dichte.

Eröffnungsfest
Grillfest im Regen

Zuerst und am wichtigsten zu nennen gilt es die Eröffnung der Anlaufstelle, die den Namen Sinp’arispa trägt, was in Quechua „flechtend“ bedeutet. Am 9. Dezember, nach mehrfacher Verschiebung bolivianisch kurzfristig angesagt, feierten wir die Einweihung der Anlaufstelle in zwei Teilen: einer Grillparty mittags, zu der wir die Gewerkschaft der Dienstmädchen einluden einerseits, und andererseits des ersten adventlichen Kerzenschmuck-Basteln und Gutzi-Backen für Dienstmädchen allgemein.

Grillfest im Regen

Dieser Sonntag wurde ein grosser Erfolg, obwohl er ausgesprochen ungünstig begann: Die Nacht und den ganzen Vormittag über regnete es in Strömen. Alles war eingeweicht, die Kohlen auf dem Grill verweigerten sich dem Feuer und keine der versprochenen Helferinnen erschien.

In einem kurzen Telefon an Elizabeth beteuerten wir, dass wir in Schweizer Art gar nicht daran dachten, die Sache abzusagen, dann versuchten wir zu regeln, was möglich war. Leo deckte den Vorplatz mit einer Plane ab, endlich klappte das Grillieren doch, und schliesslich hörte am Mittag der Regen auf.

Aristides Allmählich tröpfelten nun auch erste Gäste ein: Viele Frauen der Gewerkschaft nahmen die Einladung tatsächlich freudig an.
Als nach dem Essen die Sonne durch die Wolken brach, wurde die im letzten Moment unter Regenströmen noch aufgehängte Schaukel der ganz grosse Renner. Unter riesen Gelächter und Gejauchze flogen die einen Frauen mutig in die Höhe, andere wurden ängstlich quietschend wenig sanft angeschubst, und wieder andere genossen den Moment als Publikum. Neu eingetroffene Mädchen aus den von uns besuchten Abendschulen widmeten sich inzwischen zusammen mit älteren Gewerkschaftsfrauen dem Kerzenbasteln, während eine andere Gruppe um Elizabeth Mailänderli und Schoggikugeln buk. Es war ein fröhliches Kommen und Gehen, bis der Eröffnungstag am Abend mit einem gemeinsamen Gutzi-Zvieri seinen gelungenen Abschluss fand.

Aristides
Neuankömmlinge

Gleich in der anschliessenden Woche begannen wir mit Abendkursen: Wer Zeit und Lust hatte, sollte seine schulischen Kenntnisse aufbessern dürfen. Und wirklich, jeden Abend war eine Gruppe Frauen da, unterschiedlich zahlreich und noch unterschiedlicher gebildet. Doch wir fanden immer eine Möglichkeit zu gemeinsamen Lernschritten, sei es mit Rezepten, Spielen oder der kniffligen Alters-Berechnung anhand unserer Jahrgänge.

Die Erfolge der ersten Angebote der Anlaufstelle waren enorm, und wir hätten gern zu gefühlsmässigen Höhenflügen angesetzt, wären da nicht nebenher zusätzlich zu den bereits vorhandenen Schwierigkeiten immer härtere Schläge über uns hereingebrochen.

Neuankömmlinge

Schon im November hatten wir die Arbeit mit dem geplanten Aufsichtsrat aufs Eis legen müssen: Die Meinungen über Sinp’arispa, zwar in keiner Weise über die geplante Arbeit, aber über die organisatorische Struktur, gingen zu weit auseinander. Unsere Enttäuschung war riesig ob der Ahnung, dass die von uns angefragten Personen doch nicht über die Zweifel bezüglich ihres persönlichen Engagements ohne direkte Eigeninteressen erhaben waren. Gerade der Anwalt Gonzalo Montero schien Ambitionen auf einen zu schaffenden und gut zu bezahlenden Direktorenposten zu hegen. So beschlossen wir nach dem Einholen weiterer Meinungen, die Notbremse zu ziehen und die Anlaufstelle zumindest vorderhand nicht registrieren zu lassen.

Kerzenbasteln
Kerzenbasteln

Am frühen Abend vor dem dritten Advent wurde bei uns zu Hause eingebrochen. Wir waren ein einziges Mal gemeinsam auf dem Markt, um für die Kinder billige Flohmarktkleider als Weihnachtsgeschenke einzukaufen, was uns jedoch teuer zu stehen kam. Bei der Heimkehr war die Haustüre aufgebrochen. Computer, Handy, Rafaels Posaune, der DVD-Player und noch einige Kleinigkeiten waren weg. Benjamins Herzensfreude, sein Hündchen Sina, konnten wir nach erstem Schreck Gott sei Dank hinter einem Gestell traumatisiert wieder auffinden. Der Verlust von Sina wäre für ihn kaum zu verkraften gewesen, hatte er doch schon das zweite Hündchen Luca einige Wochen vorher durch Diebstahl vor dem Haus verloren, und Sina wenig später beinahe auch, als sie von einem Auto angefahren wurde. Der Schreck über den Einbruch war gross, vor allem bei den sehr überraschten Kindern. Leo reparierte bei Nacht und Regen das Türschloss so gut es ging. In den folgenden Tagen begannen wir das Ausmass des Schadens abzuschätzen: Da der Computer über kein Brennwerk verfügte, hatten wir sehr viele Daten nirgends gespeichert!

Nebenher fingen die Probleme mit dem machtbeherrschenden Teil der Gewerkschaft an, sich zuzuspitzen. Wir hatten schon vor Monaten mit Teresa, einer der Frauen der Gewerkschaftsleitung über eine mögliche Anstellung im Sinp’arispa gesprochen. Sie war lange unentschlossen (und ist es heute noch), dachte aber schliesslich doch ernsthaft daran, bei uns als Fachkraft mitzuarbeiten, wenn sie mit der Ausbildung als Sozialarbeiterin fertig sei.Heute verstehe ich ihre Entscheidungsschwierigkeit sehr gut: Sie ist eine der wenigen Frauen, die als ausgesprochen zuverlässige und versierte Hausangestellte ein gutes Leben führt. Sie ist für den gesamten Haushalt inkl.Einkauf und Kindererziehung zuständig, bedient Staubsauger und Waschmaschine. Bei der wohlhabenden Familie lebt sie in einem komfortablen Haus mit schönem Garten, den sie hegt, und sie geniesst, wenn auch in der Küche, erstklassiges Essen. Mit ihren gut dreissig Jahren ist sie die Älsteste im Haushalt, und die Familie behandelt sie weitgehend anständig. Sie ist schon auf mehrere Reisen der Familie mitgegangen, um die Mädchen zu hüten, und hat so mehr von Bolivien gesehen, als die allermeisten ihrer Kolleginnen. Sie verdient einen korrekten Lohn und hat dadurch die Möglichkeit gehabt, abends eine Privatuni zu besuchen. Persönliche Ausgaben hat sie ja fast keine. Ihr Lohn als Sozialarbeiterin wäre wenig höher, dafür müsste sie als unabhängige Angestellte für Miete und Lebensmittel aufkommen. Ein gewaltiger Abstieg in Bezug auf ihren aktuellen Lebensstandard wäre unausweichlich.

Gutzi-Zvieri
Gutzi-Zvieri

Wie dem auch sei, Elizabeth und ich nahmen am 20. Dez. an Teresas Uni-Abschlussfeier teil, luden sie anschliessend zum Mittagessen ein und organisierten für sie ein Fest mit einer riesigen, am Vortag gebackenen Linzertorte im Sinp’arispa. Leider hatte sich Teresa zu wenig um das Einladen der Gäste gekümmert, und so waren nur wenige Leute da, aber trotzdem wurde es ein schöner Tag. Eli und ich hätten es nicht übers Herz gebracht, Teresa nach der Abschlussfeier in einen ganz gewöhnlichen Arbeitstag zurückzulassen. Zusehr versetzten wir uns in die Haut der von ihrer Familie auf dem Land weit abgeschnittenen und in der Tiefe wohl sehr einsamen Teresa.

Was das nun alles mit den Problemen zwischen der Gewerkschaft und Sinp’arispa zu tun hat? Der Anlass der kürzlichen Eskalation liegt in Teresas Gedanken, in Sinp’arispa mitzuarbeiten. Ein Teil der Gewerkschaftsführung wittert in Sinp’arispa eine Konkurrenz und befürchtet wegen der Anlaufstelle potentiellen Mitgliederschwund. Dass wir seit Beginn die Gewerkschaft unterstützen und nicht bedrohen wollen, erscheint nicht allen Führungsfrauen glaubhaft. Ausländische Hilfsorganisationen sind für einige unter ihnen grundsätzlich nicht vertrauenswürdig. Damit wiederholen sie die von der aktuellen Regierung ständig wiederholte Ausländer- und Hilfswerkskritik.

Unterrichtsabend
Unterrichtsabend

Eine konstruktive Zusammenarbeit wird unter diesen Voraussetzungen immer schwieriger. Ob Teresa tatsächlich an beiden Orten mitarbeiten wird, muss sich weisen. Und wie weit die Gewerkschaft den Aufbau der Anlaufstelle behindern kann, ist heute schwer abschätzbar. Wir werden auf jeden Fall nach grösserem Rückhalt in der lokalen katholischen Kirche suchen. Und auf Druck der Gewerkschaft den Begriff „Trabajadoras del Hogar“ (=Dienstmädchen) vordergründig aus unserem Programm streichen. Dem Kern unseres Projekts wollen wir unbedingt treu bleiben, das steht ausser Frage. Schliesslich machen die ersten Erfahrungen mit der jungen Anlaufstelle deutlich, dass sich der eingeschlagene Weg zu lohnen scheint. Immer wieder suchen Dienstmädchen in Krisensituationen unsere Unterstützung, bauen sich während gemeinsamen Aktivitäten gegenseitig auf und spenden sich untereinander Trost und Hilfe.

Sonntagsaktivität am 4. Advent
Sonntagsaktivität am 4. Advent
Olivia beim Pizzabacken
Olivia beim Pizzabacken
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