Kurzbesuch in Afrika

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Gespannt haben wir den schwarzen Kontinent erwartet, der für uns alle ausser Leo fast völlig unbekannt war. Wir hofften auch, die Ladung der vielen in Europa aus Umweltgründen bereits verbotenen Telefonmasten endlich wieder zu löschen, denn ihr Geruch hatte unsere Deckaufenthalte sehr eingeschränkt. Erleichtert sahen wir sie eines Morgens auf dem Dock in Dakar liegen.

Die gut zehn Tage unserer Reise, die wir in afrikanischem Gebiet unterwegs waren, haben einen tiefen Eindruck hinterlassen, obwohl wir die meiste Zeit davon auf See waren - vor Anker, unterwegs in küstennahen Meeren oder stundenlang im seichten Flussmündungsgewässer vor Gambia dümpelnd. Die Befürchtungen betreffend Sicherheit unserer Autos haben wir zwar ernst genommen, aber wir entschieden uns, dass uns die Autos weniger wichtig sind als wir, und dass wir mit einem guten Stück Gottvertrauen bisher nicht schlecht gefahren sind. So überliessen wir sie vollkommen ausgeräumt und gut verschlossen auch in den Häfen sich selbst. Sie haben die Probe heil überstanden, und wir sind inzwischen um viele Eindrücke reicher geworden.

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Die Freude war überschwänglich, als wir nach den drei Ankertagen vor Casablanca endlich einen halben Tag in die Stadt durften. Niemand jammerte über den Fussmarsch auf dem Hafendock, obwohl es heiss, staubig und laut war, und wir sehr auf die Ladefahrzeuge Acht geben mussten. Im Gegensatz zu den europäischen Häfen kümmerte sich in Afrika niemand um Gefahren für Passagierskinder. Die Buben entdeckten überall Schilder mit arabischen Aufschriften und waren stolz, wenn sie deren Inhalt dank der Zweisprachigkeit Marokkos auf Französisch verstanden. Und auf ein „Bonjour“ zu einem der Hafenarbeiter ernteten wir oft ein strahlendes „Bienvenu au Maroc“. Französisch ist doch auch praktisch. In der alten Medina von Casablanca fühlten wir uns sofort wohl. Zwischen all den Marktständen und den immerfort redenden Leuten lebten die Kinder sichtlich auf. Als wir auch noch etliche Verkaufsstände mit den identischen Billig-Industriegütern entdeckten, die wir von bolivianischen Märkten her kennen, empfanden wir alle so etwas wie ein Gefühl der Heimkehr und die Kinder sprühten vor Freude.

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Die ersten Anzeichen der nahenden Küste sind meist die Fischerboote. Je nach Gegend und wirtschaftlichen Voraussetzungen sind sie recht verschieden, obwohl der Beruf letztlich doch sehr ähnlich sein dürfte. Manchmal winkten uns die Fischer, und wir waren glücklich. Es ist schon etwas Besonderes, ein Land vom Wasser her zu betrachten, zumal für uns Schweizer.

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Heutzutage ist es sehr eigenartig, auf dem Seeweg anzureisen, vor allem natürlich in Häfen, in denen keine Kreuzfahrtschiffe anlegen, wie Conakry, Banjul und Freetown, obwohl das über Jahrhunderte der Weg für Fremde in diese Städte war. Vom Frachthafen aus betritt man eine Stadt gewissermassen durch die Hintertür. Hier gibt es keine hellen Fassaden, die irgendeinen Schein erwecken wollen, selbst in Europa nicht, oft auch keine Möglichkeit Geld zu wechseln. Wir treten mitten in den Alltag hinein. Und zwar den Alltag der weniger Begüterten.

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Ein Blick auf die Fracht der Schiffe um uns gibt auch noch weitere Auskunft. Grundnahrungsmittel wurden in all unseren afrikanischen Häfen massenweise ausgeladen. Ein strengstens bewachtes und mit Stacheldraht abgesichertes Lagerhaus des Welternährungsprogramms der Vereinten Nationen spricht ebenfalls Bände.

 

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Später, in Freetown, haben wir das Elend auch noch hautnah gespürt. Während anderthalb heissen Stunden sind wir vom Hafen her durch Strassen gegangen, in denen es unmöglich war, auch nur eine Minute stehen zu bleiben. In diesem Teil der Stadt gibt es weder Strom noch Wasser, die Kanalisationsgräben sind verstopft und die Abdeckungsplatten nur unregelmässig vorhanden, was vielleicht auch besser ist, weil sich die stinkenden grauen Schlammhaufen so hie und da herausschaufeln lassen. Dann liegen sie auf der Strasse, wir versuchen unsere Füsse, so gut es geht, daneben zu setzen, ohne andrerseits von einem überfüllten Kleinbus angefahren zu werden.

Einmal kommen wir an einem Kehrichtwagen vorbei, in dessen Umgebung die Menschen den Dreck sorgfältig zusammenwischen und aufladen. Wenigstens ein klein wenig Sauberkeit auf der Strasse zu haben, vor der Tür, die keine eigentliche Tür ist, vielmehr ein Lotterblech, das der Elendshütte einen winzigen Eindruck von Privatsphäre vermitteln möchte! Nicht nur die Wäsche hängt im öffentlichen Raum. Ich staune, woher die Frauen Kraft und Wasser zum Waschen nehmen an dieser Strasse, wo faulender Fisch zum Verkauf angeboten wird, wo sich die Menschen in der Enge nicht umdrehen können und in der Hitze kaum Luft zum atmen bleibt. Nie wurde uns der Luxus beliebig viel trinksauberen Wassers zum Duschen und Waschen so deutlich wie an jenem Abend.

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Was bleibt, ist der Eindruck von Vielfalt und Beweglichkeit. Und die Erinnerung an eine Kleinstadt – die Hauptstadt Gambias – die wohl nur selten von einem Frachter angelaufen wird. Währen vieler Stunden fuhr unser Schiff ganz langsam durch das untiefe Wasser, um nicht durch grössere Geschwindigkeit mehr Tiefgang zu haben. Als wir schliesslich Banjul erreichten, verliebten wir uns sofort in diesen Ort mit seinem ländlichen Charakter. Überall begegnete uns Improvisationskunst, selbst beim Vertäuen des Schiffs schon: Weil der Quai zu kurz war, mussten die Seile per Boot zu entfernteren Molen geschleppt werden. Vom Hafen aus gingen wir durch staubige, aber friedliche Strassen mit einfachen Häusern, nicht unähnlich dem Quartier in Cochabamba, in dem wir dort wohnten und Benjamin zur Welt kam. In offenen Türen befanden sich auch hier kleine Verkaufsläden, Frauen unterhielten sich am Strassenrand und Kinder spielten um sie herum, zwischen Hunden, Küken und manchmal auch Schafen. Überall wurden wir angesprochen, und unsere Buben hielten mit ihren bescheidenen Englischkenntnissen fröhlich mit. Selbst Laila antwortete schon munter auf die Frage nach ihrem Namen. Bei der Beurteilung des europäischen Fussballspiels, das in unterschiedlicher Übertragungsqualität an vielen Fernsehern am Strassenrand lief, waren sich alle einig.

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Es bleibt die Erinnerung an eine Herzlichkeit, die uns berührt hat. An eine Offenheit, die sich in der Schweiz manchmal lange suchen lässt. An die Begegnung zwischen weiss und schwarz, reich und arm, und eine kurze Freundschaft mit Islaima.

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